Online-Beratung – eine Art "Telefonseelsorge"?

Den Markt der niedrig schwelligen, kostenfreien Angebote beleuchtet ein Beitrag im Journal für Psychologie (1/09).

Vor allem in den Anfangszeiten der Onlineberatung Mitte der 90er Jahre war es nur schwer vorstellbar, dass eine „richtige“ Beratung rein virtuell stattfinden kann. Man sah ihre Funktion als „Notlösung“. Primäre Zielgruppen wären vorwiegend Personen, die beispielsweise keinen Zugang zur herkömmlichen Beratung haben. Diese Vorstellung aus den Anfängen der Online-Beratung ist heute so nicht mehr haltbar. Neuere Studien zeigen deutlich, dass das Angebot einer internetgestützten Beratung vorwiegend von Personen genutzt wird, die problemlos auch Zugang zur Präsenzberatung haben.

In Deutschland liegt der Schwerpunkt der Online-Beratung – im Unterschied zu den USA – in der kostenlosen Beratung von Usern, meistens durch freie Träger aus dem Wohlfahrtsspektrum. Das ist für jüngere Menschen interessant, deren Internetaffinität hoch, und deren Geldbeutel schmal ist. Kostenpflichtige Angebote, wie sie in den USA üblich sind, trifft man in Deutschland nur vereinzelt an.

Online-Beratung mag ein besonders niedrig schwelliges Angebot sein, das jederzeit für jedermann erreichbar ist. Personen profitieren davon, die eine reale Beratungsstelle nicht aufsuchen würden, die sich stigmatisiert fühlen und Distanz zum Berater wahren wollen. Die Anonymität des Internet begünstigt die verstärkte Offenheit und Ehrlichkeit der Nutzer, ein schon aus anderer Forschung bekannter, enthemmender Effekt (reduced social cues). Was aber auch für die „Gegenseite“ zutreffen mag: Das Angebot an virtueller Beratung hat sich ebenso rasant entwickelt und ist fast unüberschaubar geworden. Vielfältig sind die Themen und ebenso vielfältig die Anbieter. – Aber noch lange nicht jeder Anbieter kann mit dem Setting professionell umgehen.

Doch die Hoffnung, dass Online-Beratung aufgrund der Niedrigschwelligkeit gerade Menschen erreicht, die üblicherweise nicht zur Beratungsstelle kommen, erfüllt sich nach den empirischen Zahlen nicht: Es sind die besser Gebildeten, die zumeist profitieren; was für eine Neuauflage der altbekannten „Wissenskluft-Hypothese“ spricht: Gut gemeint… (tw)

Weitere Informationen:
www.journal-fuer-psychologie.de/jfp-1-2009-04.html