Hilft "aktives Zuhören" im Coaching?

Diplomarbeit erforscht die biografische Selbstpräsentation und Selbstoffenbarung von Klienten.

Das lernt jeder im Basiskurs Kommunikation: Aktives Zuhören hilft! Es führt zum „Tell me more“-Effekt. Der Kommunikationspartner fühlt sich verstanden und öffnet sich. Soweit so gut und gängige Praxis. Aber ist es nur eine Behauptung oder ist es wissenschaftlich erwiesen? Gerade im Coaching-Prozess ist der Coach darauf angewiesen, dass seine Interventionen tatsächlich wirken.

Welche Interventionen im Coaching eine Rolle spielen, hat soeben Annette Mayrock in ihrer Diplomarbeit an der Universität Jena erforscht. Unter dem Titel „Biographische Selbstpräsentation im Coaching“ transkribierte sie akribisch fünf in Ausbildungssituationen aufgezeichnete Coaching-Sitzungen eines Coachs mit fünf Klienten und analysierte diese softwaregestützt hinsichtlich der vom Coach eingesetzten Verhaltensstrategien und der von den Klienten gezeigten Reaktionsweisen.

Als die drei häufigsten vom Coach genutzten Strategien erwiesen sich Klärungen, aktives Zuhören und Fragen. Besonders selten wurden Erklärungen, die Selbstöffnung des Coachs und Kommentare eingesetzt. Im Mittelfeld finden sich Direktiven, Konfrontationen und Interpretation.

Die Klienten reagierten – vermutlich abhängig vom Coaching-Konzept – stark mit einer biografischen Selbstpräsentation bezüglich des Berufs-, Familiensystems oder der weiteren Umwelt (inkl. Freundeskreis). Viel stärker aber noch reagieren sie mit einer Selbstoffenbarung (Self-Disclosure). Sie beschreiben Verhaltensweisen, Lebensdaten, Ereignissen, Aktivitäten (deskriptives Self-Disclosure), liefern Bewertungen, Meinungen oder äußern Gefühle und schreiben sich bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften zu (evaluatives Self-Disclosure). In geringerem Maße zeigen die Klienten auch sogenanntes reflexiv-relationales Self-Disclosure: Aus einer Metaposition beschreibt der Klient dabei seine Emotionen, Meinungen und Urteile oder Verhaltensweisen.

Überraschende Einsichten offenbarten sich der Forscherin durch eine sequenzielle Analyse. Sie untersuchte via Berechnung von Übergangswahrscheinlichkeiten, wie bestimmte Verhaltensklassen der Klienten durch vorausgehendes Verhalten des Coachs beeinflusst werden:

  • Auf Direktiven, Konfrontationen und Interpretationen reagieren die Klienten überdurchschnittlich häufig nur mit einfachen Antworten.
  • Auf aktives Zuhören und Fragen hingegen reagieren die Klienten häufiger mit einer Selbstoffenbarung. Zwischen aktivem Zuhören des Coachs und einer biografischen Selbstpräsentation des Klienten ergibt sich sogar ein signifikanter Zusammenhang. Lediglich einfache, kurze Antworten finden sich hier signifikant selten.

Wenn die Autorin auch vorsichtig ist in der Bewertung ihrer Ergebnisse, schließlich beruhen sie nur auf einer kleinen Stichprobe, verdienen diese aufgrund der eingesetzten Methodik doch hohen Respekt. Ihre Arbeit wurde von der Hochschule auch mit sehr gut ausgezeichnet.

Für Coachs sind die Ergebnisse allemal hoch interessant. Die drei unterschiedlichen Arten von Self-Disclosure (deskriptives, evaluatives und reflexiv-relationales) unterscheiden sich hinsichtlich ihres Grades an Selbstreflexivität und bauen somit aufeinander auf. Im Coaching-Prozess kommt ihnen eine wichtige Funktion zu. Deskriptives Self-Disclosure wird als essentiell für den Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen Coach und Klient angesehen. Diese eher oberflächlichen Bestandteile der Selbstöffnung helfen dem Coach, den Klienten grundlegend kennen zu lernen und einen Überblick zu bekommen. Dies unterstützt auch die Bildung von Arbeitshypothesen.

Da dem Coach die Aufgabe der Gesprächssteuerung zu kommt, sollte er ausufernde Beschreibungen begrenzen und den Übergang zur Selbstreflexion – zu evaluativem und reflexiv-relationalem Self-Disclosure – erleichtern. Und das scheint offenbar durch aktives Zuhören und gezieltes Fragen, die Interesse und Einfühlung ausdrücken, gefördert zu werden. Und nicht durch Interpretationen des Coachs.

Dass nun Coaching-Interventionen wie Interpretationen und Konfrontationen im Coaching-Prozess grundsätzlich ungeeignet wären, will Annette Mayrock übrigens ausdrücklich nicht annehmen. Möglicherweise regen diese längerfristige Prozesse im Klienten an. Doch diese konnte sie aufgrund des Datenmaterials, das jeweils nur einen singulären Coaching-Termin abbildete, nicht erforschen. Coachs dürfen also gespannt sein und sich wünschen, dass diese Forschung fortgesetzt wird.

Interessierte können die Arbeit als PDF-Datei gegen einen Selbstkostenbeitrag von 20 Euro bei der Autorin a.mayrock@web.de, Tel. 08191-66012 bestellen. (tw)