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Einkommen und Gerechtigkeitsempfinden

04.03.2008

Lediglich ein Viertel der Erwerbstätigen beurteilen in Deutschland ihr Einkommen als ungerecht. Andererseits empfinden Geringverdiener die Transferzahlungen des Staates möglicherweise als stigmatisierend.

Die Logik der Leistungsgerechtigkeit fordert, dass diejenigen, die viel leisten, auch viel verdienen sollen. Andererseits will der Staat allen beste Chancengerechtigkeit gewährleisten und auch im Sinne der Bedarfsgerechtigkeit vor bitterer Armut schützen. Das ist prinzipiell ein Widerspruch, den der Bürger mit Steuern bezahlt. Je stärker das Leistungsprinzip ausgeprägt ist, desto größer dürften die Verletzungen des Ziels der Bedarfsgerechtigkeit ausfallen. Und umgekehrt beeinträchtigt eine weit reichende Umverteilung zur Angleichung der Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten die Leistungsgerechtigkeit - so die klassische Annahme der Ökonomie. Doch wie erleben die Bürger diesen Zielkonflikt zwischen Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit? Wird nicht auch immer der Gedanke der Solidarität hochgehalten?

Dr. Stefan Liebig vom Institut für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen wollte es genauer wissen. Anhand von Umfrageergebnissen einer theoriegeleiteten Zusatz-Erhebung der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) aus dem Jahr 2005 analysierte der Forscher, wie Erwerbstätige ihr Einkommen unter dem Aspekt der Lohngerechtigkeit bewerten und welche Bedeutung dabei wohlfahrtsstaatliche Eingriffe haben. Die Ergebnisse wurden soeben in der Zeitschrift „Wirtschaftspsychologie“ (4/07) veröffentlicht:

  • In Westdeutschland bezeichnen rund 75 Prozent und in Ostdeutschland rund 55 Prozent ihr eigenes Erwerbseinkommen als gerecht. Mit steigendem Einkommen sinkt die Ungerechtigkeitswahrnehmung. Dies ist offenbar unabhängig vom Ausmaß der Belastung durch Steuern und Abgaben.
  • In Großbetrieben ist die Einkommensgerechtigkeit tendenziell höher und – entgegen der wohlbegründeten Annahme – bewerten Frauen ihr Einkommen im Vergleich zu den Männern eher als gerecht. Obwohl Frauen doch erwiesenermaßen weniger verdienen als Männer.
  • Erwartungsgemäß wirken sich höhere Wochenarbeitszeiten und eine höhere Überstundenanzahl negativ auf das Gerechtigkeitsempfinden aus. Teilzeitbeschäftigte und geringfügig Beschäftigte sehen ihr Einkommen tendenziell als gerecht an.
  • Mit steigender – über das Lebensalter gemessenen – Berufserfahrung sinkt die wahrgenommene Einkommensgerechtigkeit, d.h. Ungerechtigkeiten des eigenen Einkommens werden mit zunehmendem Alter wahrgenommen.
  • Obwohl das bundesdeutsche Erwerbssystem sehr eng an das Bildungssystem gekoppelt ist und auch die Tarifstufen stark an die Bildungsabschlüsse gebunden sind, nehmen Erwerbstätige mit hohen Bildungsabschlüssen ihr Einkommen tendenziell als ungerecht war.
  • Wer glaubt, den beruflichen Erfolg selbst bewirkt zu haben (internale Attribution), empfindet sein Einkommen tendenziell als ungerechterweise zu niedrig.

Fazit der Forschung: Von einer generellen Tendenz, das eigene Einkommen als ungerecht anzusehen – wie dies oftmals in den Medien oder öffentlichen Debatten geäußert wird – kann auf der Grundlage dieser Befragungsergebnisse, die auf einer sehr umfangreichen Stichprobe der Erwerbstätigen in Deutschland beruht, nicht die Rede sein. Doch auch der für die Makroebene der Gesellschaft konstatierte normative Zielkonflikt zwischen Leistungs-und Bedarfsgerechtigkeit scheint auf der individuellen Ebene nicht wirksam zu sein:

  • Wer eine hohe Leistungsorientierung hat und zugleich eine hohe Steuer- und Abgabenlast aufweist (die sogenannten Leistungsträger also), in dessen Wahrnehmung ist das eigene Erwerbseinkommen auch tendenziell gerecht.
  • Doch Erwerbstätige, deren Haushalt wohlfahrtsstaatliche Unterstützungszahlungen erhält, sehen ihr individuell erzieltes Erwerbseinkommen als ungerechter an. Transferzahlungen führen also nicht zur Reduzierung, sondern im Gegenteil zur Erhöhung der subjektiven Einkommensungerechtigkeit.

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