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Dr. Coach?

05.11.2008

Über eine Zweigstelle in Berlin sollen deutsche Interessenten an einer nicaraguanischen Hochschule Coaching und NLP studieren können.

Die Berliner Coaching- und NLP-Ausbilder Nandana und Karl Nielsen bieten neuerdings Studiengänge vom Bachelor über den Master bis hin zum Doktor an. Als Fernstudium, das um Selbststudium und Präsenzanteile ergänzt wird. Eine praxisorientierte Präsenzausbildung in NLP bei den beiden wird – wie praktisch – angerechnet. Möglich macht das die Kooperation mit dem „Department of Human Communication – International Programs“ der privaten, staatlich akkreditierten „Universidad Central de Nicaragua“ (UCN).

Dabei kooperiert das Department auch mit der „International Association of NLP-Instituts“ (IN) und der „International Association of Coaching Instituts“ (ICI), in denen die Nielsens als „Präsidenten“ tätig sind. Die UCN hat die beiden Deutschen auch prompt zu Professoren ernannt. Deren beider akademischer Hintergrund ist ein Diplom in Psychologie und in Soziologie, nicht jedoch die Promotion. Wie sie über eine Promotion – und dann auch noch im Fernstudium – angemessen fachkompetent begutachten können sollen, erschließt sich nun nicht direkt auf Anhieb.

„In Nicaragua gilt das Gesetz der Universitätsautonomie und nicht etwa eine Regelung über die Festlegung von anerkannten Studienrichtungen und Studienabschlüssen“, zitiert managerSeminare im aktuellen November-Heft den österreichischen UCN-Europa-Vertreter Berchtold. Mit anderen Worten, einmal vom Nationalen Rat der Universitäten in Nicaragua akkreditiert, können Hochschulen wie die UCN Fachrichtungen anbieten und Abschlüsse nach Lust und Laune verleihen.

Die UCN übernimmt allerdings laut Studienführer keine Garantie dafür, dass die bei ihr erworbenen Titel in Deutschland auch geführt werden dürfen. Das Recht der akademischen Gradführung ist hierzulande Angelegenheit der Bundesländer. Unberechtigte Titelführung ist sogar strafbar. Doch in den Kultusbehörden ist man angesichts des konkreten Falls eher ratlos und verweist auf die Bonner Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB). Dort hat managerSeminare nachgefragt. Und siehe da, die ZAB zweifelt an der Führbarkeit der Titel: Der Titel müsse in jedem Fall im Originalwortlaut mit Zusatz der vergebenden Universität genannt werden – um nicht mit deutschen Abschlüssen verwechselt zu werden.

Was wiederum UCN-Vertreter Berchtold empört: „Aus der Sicht der ‚UCN IP Europe‘ ist überhaupt diese Fragestellung nach der Rechtmäßigkeit der angebotenen Studien Ausdruck einer gewissen Respektlosigkeit und eine Zumutung, über die wohlwollend aus der Nachsicht für das offensichtliche interkulturelle Unverständnis auf deutscher Seite – alles Fremde in Zweifel zu stellen – hinweg gesehen wird.“

Nun wird ja von deutscher Seite gar nicht bestritten, dass man an der UCN erworbene Titel in Nicaragua führen darf. Das Land steht nur zwei Jahre nach erneutem Amtsantritt des Sandinistenführers Daniel Ortega und nach den Regionalwahlen vom 9. November, bei denen angeblich in vielen Orten die Sandinisten gewannen, aktuell und erneut am Abgrund. Die oppositionelle Liberale Partei PLC wirft der regierenden sandinistischen Partei FSLN Wahlbetrug vor. Seitdem toben Krawalle in dem mittelamerikanischen Land, das sich im Sommer diesen Jahres besonderer Aufmerksamkeit erfreute, weil dessen Präsident Daniel Ortega die Witwe des früheren DDR-Staats- und Parteichefs Margot Honecker mit einem Orden „Rubén Darío“ ehrte. Übrigens für „kulturelle Unabhängigkeit“.

Deutsche Hochschulen werden Studienleistungen und Abschlüsse der Sorte Bachelor-Coach oder Bachelor-NLP für den Fall, dass jemand den UCN-Bachelor beispielsweise als Einstieg für ein Master-Studium an einer deutschen Hochschule nutzen möchte, sicher nicht anerkennen, so die ZAB. Und dies erwarten offenbar sogar die Nielsens selbst nicht, wie managerSeminare berichtet.

Es bleibt damit fraglich, ob das gegen private Studiengebühr ab 2.500 € zuzüglich zu buchende Coachings bei der UCN erworbene Abschlusszertifikat einen Wert auf dem Markt hierzulande haben wird. Einkaufende Personaler werden beim Titel (in Originalform und mit Zusatz der vergebenden Universität) vermutlich stutzen. So bleibt nur der Massenmarkt. „Otto-Normalverbraucher“ mag sich vielleicht – unbeleckt von einer vertieften Marktkenntnis – von der entsprechenden Visitenkarte beeindrucken lassen. (tw)

Weitere Informationen:
www.coaching-institutes.net

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