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Werden Manager mit der Zeit egoistisch? Oder Egoistische mit der Zeit Manager?

10.09.2007

Das intellektuelle Testament des indischen Managementgurus Sumantra Ghoshal geht hart ins Gericht mit dem BWLer-Leitbild des „Homo Oeconomicus“.

In Verhaltensexperimenten verhalten sich Ökonomen regelmäßig selbstsüchtiger als Vergleichsgruppen, so Arne Kuster in einem aktuellen Beitrag für das Online-Magazin „Telepolis“. In sogenannten Ultimatumspielen, das sind Szenarien, in denen ein Spieler einen Geldbetrag geschenkt bekommt unter der Voraussetzung, dass er ihn mit einem Mitspieler teilt, kann man unterschiedliche Aufteilungen nach Belieben vorschlagen. Problem ist nur, wenn der andere das Angebot ablehnt, dann bekommt auch der erste Spieler, der „Ultimatumsteller“ kein Geld. Die meisten Menschen neigen dazu, eine Aufteilung halbe-halbe vorzuschlagen oder sich eine kleine Prämie zu gönnen und ein Verhältnis von 60 zu 40 anzubieten. Doch Wirtschaftsstudenten sind deutlich gieriger. Und Gier unterstellen sie auch ihrem Mitspieler. Sie setzen darauf, dass er selbst eine unfaire Aufteilung akzeptiert, um überhaupt etwas zu bekommen.

So fragt man sich, ob eigennützige Menschen häufiger Wirtschaftswissenschaften studieren oder ob das Wirtschaftsstudium erst die Menschen eigennütziger macht. Letzteres scheint wohl eher der Fall zu sein: Fortgeschrittene Wirtschaftsstudenten schlagen in dem Ultimatumspiel eine ungleichere Verteilung vor als Studienanfänger. Vergleichbares konnte man für Studenten anderer Studienfächer nicht feststellen.

Sumantra Ghoshal führte solch abweichendes Verhalten der Ökonomen auf den Einfluss beispielsweise des Modells des „Homo Oeconomicus“ zurück. Das wird in den Wirtschaftswissenschaften immer noch als Standardmodell gelehrt. Obwohl doch schon 2002 Daniel Kahneman und Vernon L. Smith den Nobelpreis dafür bekommen haben nachzuweisen, dass dieses Modell mit der Wirklichkeit absolut nicht vereinbar ist. Das Modell des „Homo Oeconomicus“ unterstellt, der Mensch sei ein genau kalkulierendes und selbstsüchtiges Wesen, immerfort auf die Maximierung seines eigenen Nutzens bedacht. Kahneman und Smith zeigten, dass – entgegen der Annahmen zum Homo Oeconomicus – Menschen unfähig sind, schwierige Situationen vollständig zu analysieren, sich grundsätzlich und nicht nur ausnahmsweise Heuristiken, also gedanklichen Abkürzungen, Vereinfachungen bedienen sowie sich nicht nur rational und egoistisch, sondern ebenso altruistisch und emotional verhalten.

Doch wer gelehrt bekommen hat, dass "der Mensch des Menschen Wolf" ist, beginnt mit der Zeit zu glauben, sich entsprechend verhalten zu müssen, um nicht als dumm und naiv belächelt zu werden. Dumm nur, dass Mitarbeiter es als Misstrauenserklärung wahrnehmen, wenn solcherlei geprägte Manager dazu neigen, die Kontrolle und Überwachung der Mitarbeiter auszubauen. Enttäuscht ziehen sie sich von freiwilligem Engagement in der Firma zurück. Ihre Gedanken kreisen nun hauptsächlich um die Kontrollen – zwar anders, als man es bei der Einführung der Maßnahmen erhofft hat, aber völlig in Übereinstimmung mit dem Leitbild des Homo Oeconomicus: Ihre Überlegungen zielen nun darauf, wie man die Überwachungsmaßnahmen umgehen kann. - Was die manager dann wieder in ihrem Weltbild bestärkt...

Sumantra Ghoshals Artikel „Bad Management Theories Are Destroying Good Management Practices” gehört inzwischen zu denjenigen Beiträgen, auf die in wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschriften am häufigsten verwiesen wird. (tw)

Weitere Informationen:
www.heise.de

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