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Tatendurstige Senioren passen nicht ins System

01.09.2007

Erste empirische Untersuchung zeigt großes brachliegendes Potenzial aktiver Ruheständler für Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland.

Ein jüngst abgeschlossenes Forschungsprojekt von Leuphana Universität Lüneburg und Geneva Association, dem "Think Tank" der weltweit führenden Versicherungsgesellschaften, zeichnet ein erstes empirisches Bild der gegenwärtigen Situation und konkreten Erwartungen von bezahlt oder ehrenamtlich tätigen Rentnern ("Silver Workers") in Deutschland.

Aufgrund der demografischen Entwicklung wächst allerorten die Einsicht in die mangelnde Nachhaltigkeit der bestehenden Rentensysteme. Außerdem prognostizieren die Auguren einen sich verschärfenden Fachkräfte-Mangel, der in absehbarer Zeit das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft spürbar beeinträchtigen wird. Gleichzeitig werden die Menschen bei intakter körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit immer älter.

So entscheiden sich immer mehr Personen dazu, im Ruhestand aktiv zu bleiben und zu arbeiten. Zu 63 Prozent wünschen die Befragten dafür flexible Arbeitszeiten. Die beratende, freiberufliche Tätigkeit ist für sie ideal (25 Prozent). Auf Selbstbestimmung und Entscheidungsspielraum legen sie hohen Wert (21 Prozent). Auf eine Festanstellung ist nur eine Minderheit erpicht (5 Prozent). Die vorliegende Studie zeigt auch, dass gegenwärtig primär nicht-finanzielle Motive, z.B. das Bedürfnis nach Wertschätzung, das Handeln der aktiven Ruheständler bestimmen.

Zugleich treffen die aktiven Ruheständler bei ihrem Wunsch nach Arbeit auf ein Umfeld, dass noch nicht auf sie vorbereitet ist. Eine verlängerte Beschäftigung ist gesetzlich noch nicht vorgesehen und somit nicht geregelt; und für bestimmte Berufsgruppen, wie z. B. Beamte, verboten. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen immer noch Rentenbeiträge zahlen. Diese wirken sich jedoch nicht mehr positiv auf die Rentenhöhe des Betreffenden, sondern ausschließlich negativ auf sein Gehalt aus.

Altersarbeit könnte jedoch angesichts der absehbaren Defizite der bestehenden Vorsorgesysteme für eine zunehmende Zahl von älteren Arbeitsnehmern zur schlichten Notwendigkeit werden, weil die staatliche Rente in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sukzessive gekürzt werden muss und daher nicht mehr ausreichen wird, den Ruhestand zu finanzieren. Neben der staatlichen, betrieblichen und privaten Vorsorge kann die eigene Arbeit als Kombination aus Teilzeitarbeit und Rentenbezug in einer Übergangsphase nach dem Ruhestand als "vierte Säule der Altersversorgung" fungieren. Das dürfte in Zukunft auch einen erheblichen Beitrag zur Stabilisierung der Alterssysteme und damit der Staatshaushalte sowie zur Wahrung des volkswirtschaftlichen Humankapitals leisten.

Die Bedeutung einer starken vierten Säule geht weit über die Entlastung der Rentensysteme und Sicherung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums hinaus. Auch die Unternehmen in Deutschland müssen sich, unabhängig von ihrer Größe, dem demografischen Wandel stellen. Wer heute bereits die Weichen für eine sinnvolle Weiterbeschäftigung älterer Fachkräfte stellt, kann morgen im nationalen und internationalen Wettbewerb einen entscheidenden Vorteil haben - und bereits kurzfristig profitieren, da aufgrund der boomenden Konjunktur schon jetzt verbreitet Mangel an qualifizierten Mitarbeitern herrscht.

Wieder arbeiten oder weiter arbeiten nach dem Ruhestand - die Bereitschaft dafür ist vorhanden. Allerdings müssen in den Unternehmen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, um von der Erfahrung, Expertise und Sozialkompetenz aktiver Ruheständler profitieren zu können: Die einmal gewonnenen und erlebten Freiheitsgrade wollen die "Silver Workers" nicht mehr missen. Eine Beschäftigung im Ruhestand muss vielseitig und abwechslungsreich gestaltet und Sinn stiftend sein. Es gilt konkret, flexible Strukturen wie Teilzeitarbeit zu schaffen, die auf die individuellen Bedürfnisse des aktiven Ruheständlers abgestimmt sind. Ferner empfehlen sich Projektstrukturen, die dem Wunsch der "Silver Workers" nach eigenständigem und ergebnisorientiertem Arbeiten entgegenkommen. Zudem müssen die Unternehmen mit Blick auf die Zukunft Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramme etablieren, um ältere Arbeitnehmer auch nach der Pensionierung zielgerichtet einsetzen zu können. Bei alldem unterstreichen die befragten aktiven Ruheständler, dass sie bereit sind und es sogar erwarten, gefordert zu werden.

Die Autoren der Studie rund um den Lüneburger Wirtschaftspsychologen Professor Dr. Jürgen Deller geben daher als Handlungsempfehlung aus:

  • Erweiterung des strategischen Personalmanagements um ein Konzept zur systematischen Mobilisierung und Eingliederung von "Silver Workers".
  • Förderung einer Kultur der Wertschätzung für Ältere in den Unternehmen.
  • Schaffung attraktiver gesetzlicher Rahmenbedingungen für "Silver Workers".

Die Forschungsergebnisse beruhen auf einer umfassenden Befragung von ca. 150 aktiven Ruheständlern im Alter von 60 bis 85 Jahren. Das Spektrum der Studienteilnehmer reicht vom ehemaligen Vorstandsmitglied bis zum Zimmermädchen. Die Studie beleuchtet zentrale Voraussetzungen für die verstärkte Mobilisierung dieser noch kleinen Bevölkerungsgruppe, über die nur wenig bekannt ist. Damit wird eine Grundlage gelegt zur zukunftsorientierten Ausgestaltung der Arbeitswelt von morgen, die der gewaltigen volkswirtschaftlichen, betriebswirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Herausforderung des demografischen Wandels frühzeitig Rechnung trägt. (tw)

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