Manchmal entstehen gute Ideen nicht am Schreibtisch, sondern im Gespräch. So kam mir der Gedanke, mich mit Momo zu beschäftigen, durch meinen wunderbaren Kollegen Peter Szabó, der ein Seminar zum Thema „Coachen wie Momo“ angeboten hat (Szabó, 2025). Die Verbindung von Momo und Coaching fand ich so wunderbar, dass ich sie aufgegriffen und weitergedacht habe. Denn: Wenn wir ehrlich sind, geht es im Coaching oft gar nicht um noch mehr Methoden und Tools. Es geht um Haltung. Um Präsenz. Um Zeit. Und genau das verkörpert Michael Endes Momo auf so berührende und eindrucksvolle Weise.
Im Märchen-Roman bezwingt die kleine Momo die grauen Herren, die den Menschen anbieten, Zeit bei ihnen anzusparen, um so – vielleicht irgendwann – mehr Zeit zu haben. In Wirklichkeit aber wird den Menschen die Zeit durch die grauen Herren geraubt.
Momo hat keine Tools. Und trotzdem verändert sie in ihrer Gegenwart Menschen. Nicht, weil sie Ratschläge gibt, sondern weil sie einfach da ist, ihre Zeit mit anderen teilt und Aufmerksamkeit schenkt, indem sie zuhört: „Momo konnte so zuhören, daß dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme […] und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, daß sie in ihm stecken. Sie konnte so zuhören, daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten, was sie wollten.“ (Ende, 1973, S. 15)
Sie hört nicht nur Worte, sie hört das Herz. Und das ist vielleicht die schönste Analogie zum Coaching: Menschen so zuzuhören, dass sie sich selbst wieder hören können.
Oder anders gesagt: Nicht tun, sondern lassen. Nicht drängen, sondern Raum geben. „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“ (ebd., S. 57). Zeit ist Leben. Und Coaching heißt, dieser Zeit wieder Tiefe zu geben, nicht als Ressource, die man optimiert, sondern als Erfahrung, die man spürt.
Die neue Verfilmung von Momo (Ditter, 2025) bringt das Thema in unsere Zeit. Unter der Regie von Christian Ditter wird die Geschichte moderner, internationaler, visueller. Die grauen Herren tauchen nun in einer Welt auf, die Zeit als Währung versteht – eine Welt, in der Menschen „Zeit sparen“ und dabei Lebensqualität verlieren. Das passt ziemlich gut zu vielen Themen, die auch im Coaching auftauchen:
Coaching kann genau hier ansetzen: Menschen begleiten, wieder eine gesunde Beziehung zu Zeit und Sinn zu finden.
Drei Momo-Fragen, die bleiben:
Drei Fragen, die sich aus Momos Haltung ableiten lassen – für Coaches, für Führungskräfte, für kundige Menschen, für uns selbst:
Eines der schönsten Zitate aus Momo stammt von Beppo, dem Straßenkehrer: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. […] Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. […] Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. […] Dann macht es Freude[. …] Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat.“ (Ende, 1973, S. 36–37).
Das ist Coaching in Reinform: Schritt für Schritt. Nicht das ganze Anliegen oder Problem auf einmal, sondern den nächsten Atemzug, den nächsten Schritt. Vielleicht ist das Geheimnis von „Coaching wie Momo“ genau das: Nicht mehr tun, sondern weniger.
In der Coaching-Praxis kann das bedeuten, sich kleine Teilziele zu setzen, deren Erreichbarkeit realistisch ist. Dies kann im Erfolgsfall zu einer Stärkung der Motivation und des Selbstwirksamkeitserlebens führen – also der Überzeugung, im Rahmen des Coaching-Anliegens tatsächlich etwas bewegen zu können. In der Folge fällt der nächste Schritt leichter. Im Umkehrschluss können zu hochgesteckte Ziele zum Erleben von Misserfolg und zu einem (noch) stärkeren Problemfokus führen. (Ebermann, 2023)
In diesen 15 Momenten, kann man Momo als heimliche „Coaching-Lehrerin“ verstehen und nutzen:
Zuhören ist mehr als eine kommunikative Technik – es ist eine Haltung, die Denken, Fühlen und Handeln integriert. „Zuhören mit Hirn, Herz und Hand“ beschreibt damit eine Kernkompetenz professioneller Beratung. Wie oft geschieht Kommunikation unter der Prämisse, zu antworten statt zu verstehen? Zuhören bedeutet, sich selbst zurückzunehmen, um Raum für das Entstehen von Bedeutung zu öffnen.
Das Konzept des Aktiven Zuhörens geht auf Carl Rogers zurück, der in seiner klientenzentrierten Gesprächsführung eine empathische, wertschätzende und kongruente Haltung forderte (Rogers, 2013). Zuhören wird hier als affektive Reaktion auf die Botschaft des Gegenübers verstanden, eingebettet in ein humanistisches Menschenbild. Rogers’ Grundprinzip – sinngemäß: „nicht werten heißt nicht gutheißen“ – bleibt eine zeitlose Orientierung für beratende Praxis.
Scharmer (2020) erweitert dieses Verständnis im Rahmen seiner Theorie U zu vier Stufen des Zuhörens:
Letzteres markiert den Schritt von der Wahrnehmung zur Ko-Konstruktion: Beratung als Mit-Schöpfung eines „weißen Blattes“, wie es Freud einst im „Wunderblock“ beschrieb (Freud, 1925). Systemisch gesprochen entspricht dies einer Haltung von Neutralität, Wertschätzung und Multi-Parteilichkeit.
In Anlehnung an Jürgen Hargens (2011) kann Zuhören als reflektive Praxis verstanden werden:
Besonders wirksam wird Zuhören, wenn es ziellos ist – ohne Agenda, ohne Bewertungsabsicht. Dieses „Nicht-Wollen“ ist paradoxerweise der Schlüssel für echtes Verstehen. Die größte Störung entsteht dort, wo Zuhören zur Bühne des Egos wird: der „Conversational Narcissism“ (Derber, 2000) beschreibt die Tendenz, Gespräche auf sich selbst zu lenken („Das kenne ich …“). Wer so zuhört, wartet nicht auf Bedeutung, sondern auf Stichworte, um sich selbst ins Spiel zu bringen. Zielloses Zuhören hingegen schafft Resonanzräume – und Resonanz ist die Grundlage jeder echten Begegnung.
In der systemisch-integrativen Beratung zeigt sich, dass Begegnung im Raum – etwa durch Aufstellungs-, Timeline- oder Bodenankerarbeit – nicht nur Beziehung vertieft, sondern schöpferische Resonanzprozesse ermöglicht. Das „Raus aus den Stühlen“ bringt Körper, Emotion und Denken in Bewegung. Beratung wird zum gestaltenden Tun im Raum. Coaches können dabei auf Back-Channel-Feedback (Töne wie „Hm“, „Aah“), Spiegelung, empathisches Zuhören zurückgreifen und – im besten Sinn – als „Cheerleader“ für Lösungen fungieren.
Hartmut Rosa (2016) beschreibt Resonanz als Gegenmittel zu gesellschaftlicher Beschleunigung und Entfremdung. Resonanzbeziehungen entstehen zwischen Menschen, Dingen und Welt, wenn sich jemand berühren lässt und antwortet (Szabó, 2015). Diese dialogische Schwingung erinnert an Ruth Cohns Themenzentrierte Interaktion (TZI) mit ihrem Gleichgewicht aus Ich, Wir, Es und Globe: Kommunikation gelingt, wenn Person, Beziehung, Aufgabe und Kontext in Resonanz sind. Oder, mit Martin Buber: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Drei Ohren für das selektive Zuhören
(nach Szabó, 2017 & 2015)
Zuhören ist kein passives Warten auf Pausen, sondern ein aktives Formen von Bedeutung. Wir entscheiden, wie wir dem Gesagten Raum geben – und das verändert, was möglich wird.
Ein besonders fruchtbarer Zugang zur dialogischen Haltung ist das unter anderem von Haesun Moon (2018) entwickelte Modell der Dialogischen Quadranten: Es geht davon aus, dass jede Erzählung – ob in Coaching, Beratung oder Alltagskommunikation – entlang zweier grundlegender Dimensionen aufgebaut ist: einer Zeitachse (Vergangenheit – Zukunft) und einer kognitiven/emotionalen Bewertung (positiv – „good stuff / negativ – „not so good stuff“). Aus der Kombination dieser beiden Achsen entstehen vier charakteristische Erfahrungsräume, in denen sich menschliche Kommunikation bewegt: die beste Zukunft (Q1), die ressourcenreiche Vergangenheit (Q2), die belastete Vergangenheit (Q3) und die befürchtete Zukunft (Q4).
Dieses Modell eröffnet damit einen klaren, aber zugleich flexiblen Rahmen, um zu erkennen, wo Menschen in ihren Erzählungen stehen – und wohin sie sich sprachlich und emotional bewegen können. Diese vier Quadranten eröffnen dialogische Orientierungspunkte für Coaching und Beratung (mehr dazu in Küchler, 2025). In jedem Moment befinden wir uns im „Hier und Jetzt“ – einer Kreuzung, von der aus wir entscheiden, wohin unsere Aufmerksamkeit geht. So entsteht ein strukturierter, aber offener Raum für Reflexion.
Abb.: Dialogische Quadranten (eigene Darstellung nach Moon, 2018; siehe auch Küchler, 2025)
Während lösungsfokussierte Ansätze meist im positiven Feld agieren (V+/Z+), zeigt sich zunehmend, dass auch die negativen Quadranten bedeutsam sind. Die Auseinandersetzung mit der „befürchteten Zukunft“ (Z-) stärkt Nachhaltigkeit, weil sie Hindernisse und Schutzfaktoren sichtbar macht. Ebenso kann die „belastete Vergangenheit“ (V-) zum Motor werden, wenn sie als Lern- und Transformationsfeld genutzt wird.
Motivation ist kein einliniger Antrieb, sondern ein mehrdimensionales Gefüge aus Sinn, Wichtigkeit, Dringlichkeit und Zuversicht. Sie entsteht im Spannungsfeld von Vergangenheit und Zukunft, von Hoffnung und Furcht – also genau zwischen den Quadranten. Hier wirken Ambivalenzen als produktive Zwischenräume: zwischen „gelungen“ und „gescheitert“, „vergangen“ und „möglich“. Modelle wie die Entscheidungswaage (Miller & Rollnick, 2025), Kraftfeldanalyse (Lewin, 2012) oder das Tetralemma (Varga von Kibéd & Sparrer, 2003) zeigen, dass Veränderung durch das Balancieren widersprüchlicher Kräfte entsteht. Gestalttherapeutisch lässt sich dies mit Arnold Beissers (1998) „Paradox der Veränderung“ beschreiben: „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist – nicht wenn er versucht, etwas zu werden, das er nicht ist.“ Achtsamkeit, im Sinne von Jon Kabat-Zinn (2013), ist daher keine Technik, sondern die Haltung, im Hier und Jetzt gegenwärtig zu sein, ohne zu werten. So verstanden ist Zuhören eine Form von Achtsamkeit in Beziehung.
Das Modell der dialogischen Quadranten kann auf mehreren Ebenen genutzt werden:
Diese Formen der Arbeit zeigen, dass Zuhören nicht passiv, sondern co-aktiv ist: Wir „schwingen mit“, geben Back-Channel-Feedback, spiegeln nonverbale Signale und laden zu Perspektivwechseln ein. In dieser Resonanz entsteht Veränderung aus eigener Kraft.