Entwicklung Richtung Online-Coaching setzt sich fort

Ergebnisse der Coaching-Marktanalyse 2022

Entwicklung Richtung Online-Coaching setzt sich fort
© Foto: Rawpixel.com/Shutterstock.com

Mit der Coaching-Marktanalyse 2022 (Rauen, 2022) wurden erneut valide Daten erhoben, um den Status quo des Coaching-Marktes einzufangen und Entwicklungen aufzuzeigen. Der vollständige Ergebnisbericht wird allen Interessierten mit Erscheinen der Juni-Ausgabe des Coaching-Newsletters unter auf der Homepage von RAUEN Coaching zur freien Verfügung gestellt – kostenlos und ohne jede Zugangsbeschränkung.

Der Bericht wird Coaches und Interessierten aktuelle und wertvolle Informationen liefern zu Themen wie u.a.: Einkommen und Honorare im Coaching, Coaching-Varianten, Themen und Anliegen im Coaching oder Einsatz und Wirksamkeit von Marketinginstrumenten im Coaching-Feld.

Ein Ergebnis, das eine besonders spannende Marktentwicklung aufzeigt, soll mit dem vorliegenden Beitrag bereits vorab veröffentlicht werden: Ein bereits im Rahmen der Coaching-Marktanalyse 2021 festgestellter „Online-Boom“ hat sich nicht nur bestätigt, sondern sogar verstärkt. Die Mehrheit der Coachings erfolgt mittlerweile in Formaten, die keine gemeinsame physische Präsenz von Coach und Klient voraussetzen.

Rückblick: Die bisherige Entwicklung in Sachen Online-Coaching

Im Rahmen der Coaching-Marktanalyse 2021 (Rauen, 2021), deren Fokus insbesondere den pandemiebedingten Veränderungen im Coaching-Markt galt, konnte ein deutlicher Anstieg des Online-Coachings via Videokonferenzsysteme innerhalb des Spektrums der verwendeten Coaching-Formate festgestellt werden. Spielten sie, wie die Ergebnisse der Coaching-Marktanalyse 2020 (Rauen, 2020) zeigten, mit einem Anteil von nur 7,70 Prozent vormals eine weniger bedeutende Rolle, so wuchs ihr Anteil 2021 sprunghaft auf 37,11 Prozent an. Das Präsenz-Coaching verlor derweil deutlich an Boden. Sein Anteil sank von 75,71 auf 45,07 Prozent. Diese Verschiebung entsprach einer mehr als beachtlichen Reduzierung um 30,64 Prozentpunkte.

Klar ist, dass diese Entwicklung nicht durch eine intrinsische Motivation geprägt war, sondern vor allem von äußeren Zwängen verursacht wurde. Viele Coachings, die unter Vor-Pandemie-Bedingungen im analogen Präsenzformat stattgefunden hätten, mussten notgedrungen per Videoübertragung durchgeführt werden, um nicht zu entfallen. Viele Coaches, die dem Online-Format zurückhaltend gegenüberstanden, es lange maximal als Ergänzungsmöglichkeit sahen oder es unter Verweis auf eine als erschwert wahrgenommene Beziehungsgestaltung sogar ablehnten, waren aufgrund der Infektionsgefahr und der Distanz-Gebote schlicht gezwungen, sich mit dem Online-Coaching anzufreunden.

Daher stellte sich die spannende Frage: Was würde von der Entwicklung bleiben, sobald das Leben weniger stark von der COVID-19-Pandemie dominiert wird? Würde im Zuge der Folgeerhebung eine „Normalisierung“ zutage treten, das Präsenzformat also (tendenziell) zu alter Stärke zurückfinden? Oder würde sich die Entwicklung zugunsten des Online-Formats bestätigen? Anhand der Coaching-Marktanalyse 2022 sollten Antworten gefunden werden.

Online-Coaching jetzt beliebtestes Format

Und tatsächlich kann die Frage mehr als deutlich beantwortet werden: Die Entwicklung zugunsten des Online-Coachings hat sich klar bestätigt und sogar verstärkt. Das Online-Coaching unter Einsatz von Videokonferenzsystemen stellt nun das am häufigsten verwendete Coaching-Format dar (siehe Abb. 1), was angesichts der noch 2020 geradezu erdrückenden Präferenz der Coaches für das Präsenz-Setting durchaus eine Überraschung darstellt.
 

Online-Coaching löst das Präsenz-Coaching als am häufigsten verwendetes Coaching-Format ab

Abb. 1: Online-Coaching löst das Präsenz-Coaching als am häufigsten verwendetes Coaching-Format ab (Rauen, 2022)

Die Zahlen zur Verteilung der praktizierten Coaching-Formate (siehe Abb. 2) im Überblick: Fanden 2021 noch 45,07 Prozent der Coachings im persönlichen Gespräch statt, was wie dargestellt bereits ein erheblicher Absturz gegenüber dem Vorjahr war, so sind es jetzt nur noch 44,01 Prozent – eine weitere Reduzierung um 1,06 Prozentpunkte im Vergleich zu 2021. Dagegen verzeichnet das online durchgeführte Coaching in Form von Videokonferenzen einen zusätzlichen, sehr deutlichen Anstieg auf 45,00 Prozent (2021: 37,11 Prozent, 2020: 7,70 Prozent). Zieht man hier Formate wie das Telefonat mit einem Anteil von 6,29 Prozent (2021: 9,79 Prozent, 2020: 9,64 Prozent) und E-Mails mit 1,84 Prozent (2021: 3,94 Prozent, 2020: 3,88 Prozent) hinzu, dann werden mindestens 53,13 Prozent aller Coachings in einem Format angeboten, das keine physische Präsenz von Coach und Klient im gleichen Raum voraussetzt. Diese Entwicklung seit 2020 ist umso erstaunlicher, bedenkt man, dass die Videokonferenz in der damaligen Erhebung noch hinter dem Telefonat an dritter Stelle lag.
 

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Verteilung der praktizierten Coaching-Formate

Abb. 2: Verteilung der praktizierten Coaching-Formate (N=395), Mehrfachantworten waren möglich, normiert auf 100 Prozent

Überwiegen die Vorteile des Online-Coachings dessen Nachteile?

Die 2021 festgestellte starke Verschiebung des Coachings in den virtuellen Raum war eindeutig der COVID-19-Pandemie geschuldet (Rauen, 2021). Mit den Lockerungen und Test-Möglichkeiten, die spätestens ab Mitte 2021 vorlagen, gab es zwar durchaus (wieder) Möglichkeiten des persönlichen Treffens, Hemmnisse bestanden jedoch in gewissem Maße fort. Die anhaltende Verschiebung könnte somit zwar zusätzlich davon begünstigt sein, dass die Nutzung von Videokonferenzen und Online-Besprechungen bzw. -Treffen in Unternehmen und längst auch im privaten Bereich zum Alltag geworden ist, sodass eine Gewöhnung stattgefunden hat, die auch das Coaching betrifft. Wie substanziell die Entwicklung zugunsten des Online-Coachings tatsächlich ist, wird sich dennoch erst „nach Corona“ mit Gewissheit sagen lassen.

In den letzten Jahren wurde häufig die Frage aufgeworfen, ob die Vorteile des Online-Coachings die Nachteile überwiegen. Aufgrund der nun eindeutig festgestellten Tendenz könnte man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass diese Frage aus Sicht vieler Coaches offenbar klar bejaht werde. Die Richtigkeit dieser Annahme ist nicht auszuschließen, aufgrund der Präsenz-Hemmnisse, die im Erhebungszeitraum durchaus noch bestanden, wäre sie zum jetzigen Zeitpunkt aber verfrüht. Vorsichtiger formuliert ist daher festzuhalten: Zumindest fallen die oftmals wahrgenommenen Nachteile in der Abwägung vieler Anbieter nicht so stark ins Gewicht, dass sie die festgestellte Entwicklung hätten aufhalten oder bereits mit Aufkommen der Test-Möglichkeiten und Lockerungen „zurückschrauben“ können.

Die wesentlichen Vorteile des Online-Formats liegen auf der Hand (siehe auch Ebermann, 2021): Aufgrund der räumlichen Entkoppelung sind potenzielle Klienten, wenn sie einen Coach suchen, nicht durch Distanzen limitiert. Für Coaches bedeutet dies eine potenzielle Erweiterung des Kundenkreises. Reisekosten sowie Kosten für die Buchung von Räumen entfallen. Hinzu kommt eine nicht geringfügige Zeitersparnis für Coach und Klient durch den Wegfall von An- und Abfahrtszeiten, sodass Opportunitätskosten reduziert und mehr Aufträge bearbeitet werden können. Die terminliche Planung der Coaching-Sitzungen wird zudem durch eine erhöhte Flexibilität erleichtert, wodurch sich Ausfälle reduzieren lassen.

Demgegenüber stehen häufig vorgebrachte Nachteile wie der Wegfall unmittelbarer und vertrauensbildender Präsenz, ein erschwerter Methodeneinsatz oder die reduzierte (körperliche) Wahrnehmung des Klienten und dessen Reaktionen durch den Coach. Offenbar – so lassen es die Ergebnisse der Erhebung wie erwähnt vermuten – überwiegen die Nachteile die Vorteile des Online-Coachings aus Sicht vieler Praktiker nicht in entscheidendem Maße.

Neben einer schlichten Abwägung der Vor- und Nachteile besteht aber ebenso die Möglichkeit, dass viele Coaches in der praktischen Arbeit festgestellt haben könnten, dass Online-Coaching bessere Ergebnisse erzielt, als sie dachten, und/oder dass sich einige der (vermeintlichen) Nachteile durch ein verändertes Vorgehen im Coaching kompensieren lassen. So könnte – um nur ein illustrierendes Beispiel anzuführen – der oftmals berichteten schnelleren Erschöpfung der Klienten im Online-Setting damit begegnet werden, sich häufiger zu kürzeren Sitzungen zu treffen. Auch können die Sitzungen effizienter gestaltet werden, indem der Coach seinen Klienten durch die Übersendung eines Fragentableaus im Vorfeld zu einer Vorabreflexion einlädt (Fritzsche, 2021). So können auch kürzere Sessions Wirkung entfalten.

Darüber hinaus ist anzunehmen, dass die Nachfrage nach Online-Coaching durch die Erfahrungen der letzten Jahre auf Klientenseite zugenommen hat, da die oben genannten Vorteile auch ihnen zugutekommen und ihnen nicht verborgen geblieben sein dürften. Insofern mag es sich der ein oder andere Coach auch nicht mehr erlauben können, auf Online-Angebote zu verzichten.

Fazit

Ein Fortschreiten der 2021 festgestellten, nicht intrinsisch motivierten Entwicklung zugunsten des Online-Coachings war zwar nicht auszuschließen, aber auch nicht zwingend zu erwarten. Zu fest verankert schienen die Präferenz für das Präsenz- und die Vorbehalte gegenüber dem Online-Format unter nicht wenigen Coaches. Letztlich zeigte die anhaltende Entwicklung – sollte sie sich nach dem Wegfall der Präsenz-Hemmnisse als substanziell herausstellen – jedoch sehr eindrücklich, wie äußere Einflüsse zunächst eine Handlungsanpassung erzwingen und in der weiteren Folge ein Umdenken bewirken können. Der im Zusammenhang mit der Pandemie vielbemühte Begriff des Innovationstreibers träfe dann im Kontext des Online-Coachings zweifelsohne den Nagel auf den Kopf. 

Literatur