Trauma-Bewältigung: Wege aus der persönlichen Katastrophe

Rezension von Thomas Webers

Welche katastrophalen Folgen Traumata haben können, ist der Allgemeinheit bislang nicht bewusst geworden. Sicher, wenn es mal wieder zu einem Amoklauf an einer Schule kommt, wird niemand abstreiten, dass man den Opfern beistehen sollte. Wie und was genau man in so einem Fall als Helfer tun oder tunlichst lassen sollte, dürften die Wenigsten wissen. Woher denn auch? Schließlich gibt es da Fachleute, die das in die Hand nehmen: Ärzte, Psychologen, Seelsorger. Und würde man ins Publikum fragen, was sie denn im Falle des Falles selbst tun würden, wir würden sicher hören: Trösten, Händchen halten und gut zureden; und dass die Zeit alle Wunden heilt

Doch das tut sie nicht. Im Gegenteil. Und die Laienratschläge zur Ersten Hilfe sind wenig hilfreich, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Erst allmählich spricht es sich herum, dass ein Schleudertrauma, das man bei einem Auffahrunfall erleiden kann, keine Bagatelle ist, sondern behandelt gehört - und manche daran durchaus lange laborieren können.

Nun, wenigstens Profis sollten sich damit auskennen, was man bei Traumatisierungen aufgrund von (sexueller oder bloßer) Gewalt tun sollte. Doch unser Autor konstatiert, dem ist nicht so, immer wieder geschieht das Folgende: Lehrerinnen und Lehrer reagieren hilflos, Passanten schauen weg, Polizei und Jurisdiktion reagieren unsensibel, Versicherungen wiegeln ab oder unterstellen Leistungserschleichung. Und irgendwann spricht auch der Einfühlsamste die harten Worte: "Jetzt stell‘ Dich nicht so an. Das ist doch alles schon so lange her. Reiߑ Dich zusammen." Doch das können die Traumatisierten nicht. Bis das Umfeld schließlich auch resigniert.

Horst Kraemer beschreibt solcherlei Lebensläufe detailliert. Wie sich das Leben eines normalen Menschen plötzlich und scheinbar unwiederbringlich im Chaos verliert. Und er erklärt auch warum: Ob beim Unfall, beim Überfall, beim Burnout, bei Mobbing - immer kommt es, und zwar individuell unterschiedlich und jeweils subjektiv erlebt, dazu, dass das ganze System Mensch "umschaltet". Dann gehen das Nervensystem, die neuronalen Verknüpfungen und die damit verbundene Hormonproduktion in einen Ausnahmezustand. Es wird sozusagen der Notfallmodus angeschaltet. Ab diesem Moment kann der Betroffene nicht mehr willentlich eine Veränderung der Situation bewirken. Die Nerven im Gehirn leiten Wahrnehmungsimpulse durch diese Stresssituation nur noch eingeschränkt und fragmentiert weiter. Experten nennen diesen Zustand Neurostressfragmentierung.

Dieser Zustand mit all seinen leidvollen Symptomen - wie Erinnerungslücken, Depression, geringe Belastungsfähigkeit oder Drop-out aus dem Berufsleben - kann sich erst wieder verbessern, wenn die Nerven im Gehirn den Ausnahmezustand beendet haben und wieder in der gewohnten Zuverlässigkeit leiten. Doch wie dies erfolgreich erreicht werden kann, wissen selbst einschlägige Fachleute wie Psychotherapeuten oder Psychiater nicht serienmäßig, weiß unser Autor. Stattdessen wird so manche Traumatisierung "verschlimmbessert" - und damit chronifiziert. Dies führt in nicht wenigen Fällen zu einer langen Ausfallzeit, in der an Arbeit und Leistung nicht zu denken ist. Klinikaufenthalte von sechs Wochen bis sechs Monaten sind eher die Regel; und die Invalidisierung eines ehemals sehr erfolgsgewohnten Menschen ist keine Seltenheit.

Kraemer selbst hat mit einem interdisziplinären Team die Stressmethode Neuroimagination entwickelt und die Coaching-Firma Brainjoin gegründet. Er arbeitet mit Menschen bei Burnout, nach Belastungssituationen wie Unfällen, Gewalterlebnissen oder Mobbing. Und er bildet Coachs in seiner Methode aus. Im Buch wird nach den Kapiteln über die neurobiologische Trauma-Reaktion, über Stress und unzureichende Bewältigungsstrategien auch seine Methode vorgestellt. Neuroimagination durchläuft zehn Schritte. Dabei geht Kraemer nicht allzu sehr in die Einzelheiten, sondern fokussiert eher auch Selbsthilfe-Übungen, auf den Traumacheck, also eine Diagnose, und zeigt an vier konkreten Szenarien auf, wie es ihm gelungen ist, zutiefst traumatisierte Menschen wieder lebens- und arbeitstüchtig zu machen.

Damit wird auch klar, an wen sich dieses Buch wendet: An das sogenannte institutionelle Umfeld der Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter, an die Polizisten, Richter und Verwaltungen, aber auch an die Versicherer, die oft genug die enormen Kosten der Chronifizierung oder sogar Invalidität zu tragen haben. Sie lädt dieses Buch zu einem ersten, allerdings erheblichen Erkenntnisfortschritt ein. Die Fachexperten Ärzte, Psychotherapeuten, Coachs gehören nicht zur primären Zielgruppe dieses Buchs. Diese werden mit dem praktisch vergriffenen Vorgänger-Buch des Autors "Das Trauma der Gewalt" (2003) oder der einschlägigen Fachliteratur (Reddemann/Sachse) eher und fundierter bedient. Wenn sie sich nicht gleich für eine einschlägige Ausbildung entscheiden.



Thomas Webers

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