Wir nehmen uns meist ziemlich ernst. Humor kann dann mehr leisten, als uns zum Lachen zu bringen. Er kann eine innere Distanz zu dem schaffen, was uns gerade beschäftigt – und damit den Blick auf uns selbst verändern. Mit Humor können Denken und Fühlen beweglicher werden: Perspektiven lassen sich leichter wechseln, Ambivalenzen eher aushalten und neue Gedanken können entstehen. Warum reagiere ich eigentlich so? Was übersehe ich? Und muss die Situation wirklich so bleiben, wie ich sie bisher gesehen habe? Ob im Coaching, in der Supervision, in der Beratung oder in der Therapie – für alle, die das Potenzial von Humor professionell in ihrer Arbeit nutzen möchten, ist es interessant zu verstehen: Was genau geschieht in solchen Momenten? Was macht aus einer humorvollen Bemerkung eine gelungene Intervention – und wann kann Humor einen Moment der Selbsterkenntnis ermöglichen? Wann ist Humor eine Ressource, wann wird er zur Vermeidungsstrategie, die Klientinnen und Klienten schaden kann?
Wie Humor speziell in der Supervision genutzt werden kann, möchte Katrin Oldenburg in ihrem Buch darstellen. Die Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Sozialarbeiterin, systemische Beraterin, Supervisorin und Organisationsentwicklerin nähert sich dem Thema in fünf Kapiteln. Kapitel 1 und 2 widmen sich der Entstehung und Weiterentwicklung der Supervision sowie ihrem Ablauf und ihrer Methodik. In Kapitel 3 werden Witz, Sarkasmus, Ironie und Zynismus voneinander abgegrenzt. Kapitel 4 umfasst lediglich eine Doppelseite und trägt die Überschrift „Supervision mit Humor“. Es wirbt für eine entsprechende Haltung. Kapitel 5 umfasst 130 Seiten. Darin werden 55 „Humormethoden in der Supervision“ vorgestellt, etwa das Humortagebuch, Lachen für sich, Querdenken, Lachverbot, Superheld und No Control. Der Großteil der Methoden ist laut Oldenburg in der Einzel-, Gruppen- und Team-Supervision einsetzbar, einige zusätzlich in der Organisationsentwicklung. 13 Methoden empfiehlt die Autorin für die Einzel-Supervision.
Oldenburgs Buch überzeugt vor allem als praxisorientierter Methodenkoffer. Weniger überzeugend ist die theoretische Einordnung der Methoden. Zwar beschreibt die Autorin allgemein, dass Humor Anspannung lösen, Perspektiven erweitern und neue Denkbewegungen ermöglichen kann. „Es ist eine Kunst des Supervisors, ernste Situationen mit Humor anzusehen und nicht Sichtbares wahrnehmbar werden zu lassen. Humor eröffnet den Supervisanden neue Sichtweisen zur Frage- bzw. Problemstellung“, schreibt Oldenburg (S. 38). Im Praxisteil wird jedoch nicht konsequent deutlich, welche Funktion die jeweilige Humormethode erfüllen soll. Geht es um emotionale Entlastung, kognitive Irritation, Beziehungsgestaltung, Reflexion oder die Veränderung von Gruppendynamiken? Die Verbindung zwischen Methode, Wirkmechanismus und supervisorischem Ziel bleibt teilweise lose. Eine stärkere Zuordnung der einzelnen Methoden zu Funktion und Wirkung hätte die Auswahl schlüssiger gemacht und einen zusätzlichen Mehrwert für die Nutzerinnen und Nutzer dargestellt.
Ein zweiter Kritikpunkt: Wenn ein Buch „Supervision mit Humor“ heißt, könnte man eine Antwort erwarten auf die Frage, was Humor speziell im supervisorischen Setting ausmacht. Oder eine Klärung, wie sich Humor in der Supervision von seinem Einsatz im Coaching, in der Beratung oder in der Therapie unterscheidet. Diese Fragen beantwortet das Buch jedoch kaum. Die 55 Methoden erscheinen eher wie vielfältig einsetzbare Interventionen, die auch für die Supervision adaptiert werden können.
Fazit: Das Buch bietet vielfältige Methoden, die sorgfältig beschrieben sind, was die praktische Umsetzung erleichtert. Sein Mehrwert liegt vor allem darin, zur Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten von Humor in Coaching, Supervision und Beratung anzuregen. Lobenswert ist zudem, dass die Autorin dazu einlädt, immer wieder auch sich selbst in der professionellen Rolle mit Humor zu betrachten. Was jedoch fehlt, ist eine übergeordnete Systematik: Wozu dient eine humorvolle Intervention jeweils, auf welcher Ebene wirkt sie – und wo liegen ihre Grenzen oder möglichen unerwünschten Effekte? Gerade für Leserinnen und Leser, die Humor gezielt und professionell einsetzen möchten, wäre eine solche theoretische Einordnung hilfreich gewesen.
Almut Siegert