Cover: Selbstregulation & Mentale Stärke: Trainings erfolgreich leiten.
Renate Freisler, Katrin Greßer

Selbstregulation & Mentale Stärke: Trainings erfolgreich leiten.

Rezension von Günther Mohr

5 Min.

Renate Freisler und Katrin Greßer haben ein Praxishandbuch für Coaches und Trainer vorgelegt. Die Teilnehmenden sollen Selbstregulation lernen und mentale Stärke entwickeln. Nach einem Theorieteil zur Selbstregulation folgt ein detaillierter Trainingsfahrplan für ein dreitägiges Seminar mit zahlreichen Übungen, der die Arbeit mit Gruppen erleichtern soll. 

Was verstehen die Autorinnen unter Selbstregulation? „Selbstregulation beschreibt die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Emotionen und Handlungen bewusst zu steuern – auch unter Druck, in Unsicherheit und bei hoher Arbeitsdichte“ (S. 34). Sie beziehen sich dabei auf die Theorie des kanadischen Psychologen Albert Bandura, der Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstreaktion in einen Zirkel bringt. Die Zeitspanne oder der Moment zwischen Reiz und Reaktion sei ein wichtiges Vorstellungsmodell für die zwischenmenschliche Interaktion. Es folgen Kapitel über die Beschleunigung in unserer Gesellschaft und die Sehnsucht nach psychologischer Sicherheit. Anschließend werden Persönlichkeiten mit dem Big-Five-Modell und Gerhard Roths Gehirnebenen beschrieben. Zudem wird noch das Thema Narzissmus betrachtet. 

Für den folgenden Praxisteil geben die Autorinnen mit dem Konzept des Erfahrungslernens des US-Psychologen David Kolbs die Orientierung. Kolbs Modell beginnt mit dem Abholen des Lernenden bei seinen Erfahrungen, echtes Lernen sei ein kontinuierlicher, zyklischer Prozess, der auf persönlichen Erfahrungen basiert.

Im Praxisteil konzipieren die Autorinnen beispielhaft ein dreitägiges Seminar. Der erste Tag ist für alle Mitarbeitende einer Organisation geplant, am zweiten Tag werden die Führungskräfte fokussiert und der dritte Tag wird „Follow Up“ genannt. Tag eins beschäftigt sich nach dem „Check in“ ausführlich mit dem Thema Selbstregulation. Diese grenzen die Autorinnen deutlich von Selbstkontrolle ab. Impulssteuerung und Belohnungsaufschub sind wichtige Unterthemen. Anschließend geht es um Emotionen. Die Gefühlstheorie von Paul Ekman wird vorgestellt und in Übungen angewandt. Es folgen die Ausbildung von Selbstregulationskompetenzen und eine erste Übung zum Vagusnerv. Der Abschluss des Tages ist als eine Art Erntephase gestaltet. 

Der zweite Tag hat den Schwerpunkt Führung und beginnt mit einem Input zum Thema „Hoffnung“ gefolgt von psychologischer Sicherheit. Anschließend wird gezeigt, wie KI Führungskräfte herausfordert und es wird ein KI-Kompetenzmodell vorgestellt. Es folgt „Leadership und mentale Stärke im komplexen und dynamischen Umfeld“. Kern ist das Konzept der beiden Typen von Führungsentscheidungen von Jeff Bezos, das unumkehrbare und korrigierbare Entscheidungen unterscheidet. Eine Transferübung schließt den Tag ab.

Der „Follow up“ an einem späteren Tag drei greift die Ergebnisse der ersten beiden Tage auf, wiederholt diese auch mit Mikro-Übungen. Eine Aufstellung zum Big-Five-Persönlichkeitsmodell rundet den Vormittag ab. Den Nachmittag nehmen wieder Selbstregulations- und Selbstmanagement-Techniken ein. Am Ende gibt es wieder eine Transferübung. 

Wie ist das Buch aus meiner Sicht zu bewerten?

Der Theorieteil ist fundiert dargestellt. Banduras Konzept der Selbstregulation ist dem heute vorherrschenden theoretischen Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie zuzuordnen. Die Unterscheidung zwischen Hoffnung und Optimismus gefällt mir gut. Denn Optimismus kann blinder Optimismus sein. Die Realität in Organisationen zu sehen, ist wichtig. Der kölsche Satz „et hät noch immer jod jejange“ (dt. „es ist noch immer gut gegangen“) stimmt in vielen Fällen nicht. Neuere philosophische Ansätze wie von Corine Pelluchon („Die Durchquerung des Unmöglichen“, 2026) betonen ebenfalls genau diesen Aspekt. Hoffnung braucht aber auch die Erfahrung gelöster Aufgaben, ist also mit Resilienz verwandt. 

Die Gefühlstheorie von Ekman, die hier genutzt wird, finde ich heute nicht mehr ganz überzeugend, weil sie die Gefühle Schuld und Scham ebenso wie Zuneigung nicht enthält. Zudem benennt sie Ärger und Wut als zwei unterschiedliche Gefühle, in anderen Gefühlstheorien handelt es sich dabei eher um einen graduellen Unterschied. 

Psychologische Sicherheit stellt eine wichtige Bedingung in Organisationen dar. Sie gewährt den Kontext für mentale Stärke in Systemen. Hier wird Edmondson als Autorin aufgeführt. Das Konzept hat sich schon länger bewährt und wurde schon 2002 in den acht Beziehungsbedürfnissen in der Transaktionsanalyse von Erskine formuliert.  Beteiligungsmöglichkeiten in organisationalen Prozessen sind unbedingt zu ermutigen. Wichtig ist, dass psychologische Sicherheit sich nicht nur auf die Abwesenheit bestimmter einschränkender Muster in der Organisation bezieht. Der konstruktive Umgang mit Gedanken und Denkmustern sowie das Äußern verrückter und gegen Tabus verstoßender Ideen ist hier ein Eckpfeiler.

Die Unterscheidung zwischen erstem und zweitem Seminartag wird bezüglich der Teilnehmergruppen nicht ganz deutlich. Geholfen hätte hier aus meiner Sicht ein grundlegendes Konzept von Führung. Denn sieht man in Führung eine kooperative Beziehung mit unterschiedlichem Rollenschwerpunkt, führen beide zusammen, designierte Führungskräfte und Mitarbeiter.

Das Buch präsentiert ein Feuerwerk von Einzelübungen, die für den Praktiker sehr viel bieten, aber je nach Gruppe nicht alle in ein Seminar gepackt werden können. Viele Übungen sind stark körperorientiert. Dies ist im Sinne der Selbstregulation und des Aufbaus von innerer Ruhe für die meisten Teilnehmenden gut. Es werden Erkenntnisse der Polyvagaltheorie von Stephen Porges genutzt. 

Die Darstellungsform der einzelnen Teile ist gut gelungen. Durch die Beschreibung der Übungen und die wörtliche Instruktion werden die Vorgehensweisen sehr deutlich. Die Visualisierungen im Buch sind hilfreich. 

Fazit: Insgesamt ist das Buch ein guter Begleiter für Einsteiger in die Trainingspraxis mit vielen Anregungen für Seminarbestandteile. Empfehlenswert. 

Günther Mohr

Hofheim
www.mohr-coaching.de
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