Cover: Positive Provokation im Coaching
Robert Biswas-Diener

Positive Provokation im Coaching

Rezension von Jan-Christoph Horn

3 Min.

Wann haben Sie sich das letzte Mal hinsichtlich der Philosophie, Ausrichtung und Qualität Ihres Coachings provozieren lassen? Wenn Sie hier Bedarf haben, bietet das Buch von Robert Biswas-Diener eine gute Gelegenheit.

Biswas-Diener, Jahrgang 1972, ist US-amerikanischer Psychologe und ICF-Coach-Ausbilder. Sein Vater war Ed Diener, einer der Protagonisten der Positiven Psychologie. Auf Grundlage dieser an Humanität, Wohlergehen und Ressourcen interessierten Haltung gestaltet auch der Autor seine Coaching-Ausbildungen, wie er eingangs berichtet.

Angetan davon, wie wirkungsvoll es ist, Coaches in einer 90-Grad-Perspektive zu konfrontieren – also einer Haltung, die sich nicht frontal positioniert, aber deutlich „von der Seite“ kommt –, realisiert Biswas-Diener im vorliegenden Buch diese „Positive Provokation“ in Schriftform. 

Wie der Titel vermuten lässt, gibt es 25 Impulse in Frageform, gegliedert in vier Teile. Es sind Fragen wie „Ist Coaching nicht-direktiv?“ (Teil I: Coaching-Philosophien), „Was wäre, wenn wir gar nichts sagen würden?“ (Teil II: Kommunikation mit Klienten), „Wie neugierig sollten wir sein?“ (Teil III: Gängige Coaching-Konzepte) und „Sollten Coachinnen Emotionen ansprechen?“ (Teil IV: Coaching-Interventionen). Jede Frage wird auf acht bis zehn Seiten von Biswas-Diener reflektiert. Es ergibt sich ein bunter, halb-strukturierter Durchgang durch Aspekte des Coachings. Die Auswahl der Fragen – wieso sind es diese und nicht andere? – begründet Biswas-Diener nicht. 

Am Buch gefällt der positive Ton in der Haltung gegenüber den Lesenden. Das wirkt ehrlich und authentisch. Es gefällt, mit ein paar Selbstverständlichkeiten des Coachings in den Diskurs zu gehen, z.B. dass Coaching nicht nicht gelingen kann. Auch ist zu begrüßen, dass Biswas-Diener Coaching vor psychologischem Wissen, beispielsweise der Kommunikations- und Emotionspsychologie, reflektiert und manches erläuternd hierzu aufbereitet. Das stärkt die über Tools hinausgehende Professionalität und Qualität von Coaching. Der Schreibstil ist typisch für einen US-amerikanischen Wissenschaftsessay, also aus Ich-Perspektive angenehm erzählend, aber auch mal ausschweifend. Am Ende jeder „Provokation“ laden einige Impulsfragen zur Reflexion und zum Transfer in die eigene Praxis ein.   

Biswas-Diener weist selbst darauf hin, dass der Neuigkeitswert der Provokationen für erfahrene, reflektierte Coaches nicht besonders hoch ist. Dem sei zugestimmt, wenngleich jeder Reflexionsimpuls allemal nichts Schlechtes sein kann. Ein Buch für angehende Coaches ist es allerdings auch nicht, denn um sich provozieren zu lassen, braucht es erst einmal eine eigene Position. 

Der Positiven Psychologie wird kritisch entgegengehalten, naiv zu argumentieren, Positivität toxisch zu postulieren und, nicht zuletzt, zu vermarkten. Biswas-Diener bewegt sich hier in annehmbaren Fahrwassern. Gleichzeitig muss er sich aber fragen lassen, welche Originalität seine Themenwahl besitzt. Hier gefällt Klaus Eidenschinks „Verunsicherungsbuch“ besser, wobei fairerweise mitzusehen ist, dass Eidenschink in der hiesigen Coaching-Kultur beheimatet ist, Biswas-Diener nicht.

Das Buch ist 2023 im englischen Original erschienen. Statt von „mehr Lebendigkeit“ ist hier von „to elevate“ im Untertitel die Rede. Dass der Verlag ein solches dynamisch-bildhaftes gegen ein emotional-sinnliches Wort austauscht, ist schade.

Fazit: Etwas zu euphorisch, was die Originalität der „Provokationen“ betrifft. Allemal aber interessant, z.B. für einen Austausch in kollegialer Runde.

Jan-Christoph Horn

www.janchrhorn.de

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