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Armin Wunsch

Mein erfolgreiches Orchester. Techniken und Strategien für Zusammenarbeit und Entwicklung im Orchester

Rezension von Günther Mohr

4 Min.

Das Buch „Das erfolgreiche Orchester“ beginnt mit einem sehr persönlichen Vorwort von Reinhard Goebel, der selbst Dirigent ist. Markante Sätze wie „Das Spielniveau eines Orchesters orientiert sich an seinem schwächsten Glied“ machen hier neugierig auf das Weitere, weil der Leser immer die Übertragbarkeit auf Teams in anderen Bereichen im Hinterkopf hat. Goebel sieht naturgemäß Orchester sehr einzigartig und wünscht dem „Orchester, dem neben dem Kloster gefühlt letzten solidarischen Kollektiv, ein Überleben in stürmischen Zeiten.“ 

Der Autor Armin Wunsch wählt zu Beginn eine Vorgehensweise, die man heute oft in Sachbüchern findet. Es wird das Beispiel eines Konfliktes zwischen einer jungen, weiblichen und einem älteren, männlichen Orchestermitglied beschrieben. Dieses Beispiel begleitet den Leser in durchaus angenehmen Dosen durch das ganze Buch. 

Hauptpunkt des Buchs ist die Nutzung transaktionsanalytischer und benachbarter Konzepte zur Verbesserung der Zusammenarbeit in einem Orchester. Sein Credo fasst Wunsch wie folgt zusammen: 

„Die Verwendung transaktionsanalytischer Konzepte hat zum Ziel, Zusammenleben und Zusammenarbeit sinnvoll und freudvoll zu organisieren und Handlungsalternativen zu entwickeln.“ (S. 5f.)

Nach der Einleitung folgen insgesamt sieben Kapitel zum Orchester: Rollen, Kommunikation, Resilienz, Ziele, Konflikte und Verträge, bevor ein abschließendes Kapitel sich mit Inspiration befasst. 

Im Kapitel zum „Hierarchiesystem Orchester“ wendet Wunsch das Rollenmodell von Bernd Schmid an. Er nutzt dazu die Grundversion mit den drei Rollen Privat-, Professions- und Organisationsrolle in Bezug auf den Orchestermusiker. Dabei kommen sehr klar die unterschiedlichen Perspektiven der drei Rollenwelten und auch die Reibungspunkte zwischen ihnen zum Ausdruck. Die Professionsrolle steht bei der besonders geforderten Begabungs- und Übungskompetenz eines Musikers im Zentrum und hat sich mit dem Privatleben und auch der Einbettung in Organisation zu versöhnen. 

Im zweiten Kapitel geht es um „zielführende und erfolgreiche Kommunikation.“ Das transaktionsanalytische Stroke-Konzept und auch die Ich-Zustände und Transaktionsmodelle geben hier wertvolle Hinweise. Das Drama-Dreieck zeigt wiederum Gefahren in Beziehungssituationen auf. 

Im nächsten Kapitel, das mit „Resilienz“ überschrieben ist, bezieht Wunsch sich auf das Modell der Resilienz in der Form des Sieben-Säulen-Modells. Wunsch bespricht sehr praktisch die sieben Themen des Modells für den Orchestermusiker.

Im Abschnitt über Ziele thematisiert das Buch nicht nur positive Ziele, sondern bezieht sich auch auf die Wirkung sogenannter Aversionsziele, z.B. „Was schreckt mich ab?“ Von den Konzepten her stellt der Autor die SMART-Ziele und das Konzept der Mottoziele nebeneinander. Für die SMART-Ziele wählt er aus den verschiedenen angebotenen Beschreibungen die klassische Form von Locke und Latham, bei den Haltungs- bzw. Mottozielen aus dem Konzept von Storch und deren Kollegen. An Beispielen zeigt er sehr schön auf, wie beides für einen Orchestermusiker nützlich sein kann.

Im Zusammenhang mit Konflikten, denen ziemlich viel Raum gewährt wird, kommen aus der Transaktionsanalyse das Antreiberkonzept, die Idee der Ersatzgefühle und das Modell psychologischer Spiele zur Anwendung. Auch aus anderen Methoden kommen Konzepte für die Konflikte im Orchesteralltag zur Sprache, so etwa die Affektbilanz aus dem Zürcher Ressourcen Modell, das sich gut in Verbindung mit der Transaktionsanalyse bringen lässt.

Im siebten Kapitel steht der „Vertrag“ auf der Agenda, also die vielen Vereinbarungen vom großen schriftlichen Vertrag bis zu kleinen Abmachungen, etwa wie man miteinander in einem Gespräch kommunizieren will oder zu welcher Verhaltensänderung man bereit ist. Den Abschluss des Buches bildet noch einmal das Thema „Inspiration“.

Insgesamt hat Wunsch ein ungeheuer reichhaltiges Buch geschrieben, dass insbesondere zwei markante Stärken hat: (1.) Die dargestellten theoretischen Konzepte sind gut und klar beschrieben. (2.) Die Anwendung und Verbindung mit dem Orchestergeschehen ist hervorragend gelungen.

Man muss kein Musiker sein, um von dem Buch zu profitieren. An einigen wenigen Stellen muss man sich in die Begrifflichkeiten rund um ein Orchester hineindenken. Aber die Zusammenhänge werden gut verständlich dargestellt. Sehr interessant ist vor allem das Spannungsfeld von geforderter Präzision auf der einen und der gefühlten Aufmerksamkeit durch Zuhörer und Orchesterkollegen auf der anderen Seite. Man kann sich während der Lektüre richtig in die Lage der Menschen im Orchester hineinspüren. 

Fazit: Ein hervorragendes Lern- und Anwendungsbuch, dessen Lektüre nicht nur Musikern zu empfehlen ist. 

Günther Mohr

Hofheim
www.mohr-coaching.de