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Bettina Hafner, Gudula Ritz

Irgendwie seltsam ...! Über den Umgang im Coaching mit extremen Persönlichkeiten.

Rezension von Björn Rohde-Liebenau

3 Min.

Coaches erfahren in dem Buch „Irgendwie seltsam …!“, wie sie Klienten mit „extremen Persönlichkeitsstilen“ effektiv begleiten können. Die Psychologinnen Bettina Hafner und Gudula Ritz gehen dabei durch ein Sternschema von Persönlichkeitsausprägungen. Ihre Darstellungen basieren auf einer Meta-Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie), die Julius Kuhl Ende der 90er Jahre entwickelt hat.

Psychologisches Wissen schadet nicht, so könnte knapp das bescheidene Motto lauten, das die beiden Autorinnen an den Anfang ihrer Ausführungen stellen. Ihr Fazit: Klienten mit diesen ausgeprägten Persönlichkeitsstilen werden nicht auf im Coaching übliche Methoden und Tools anspringen, bevor nicht ihr Stil in die Arbeit integriert ist und sie sich in ihrem So Sein vom Coach gesehen und wertgeschätzt fühlen.

Mehrere dieser Stile können deutlich Therapiebedürftigkeit indizieren. Hier gibt das Buch Hinweise, in welchen Fällen Coaching eventuell erst nach einer Therapie oder selten auch neben einer Therapie wirksam sein kann. Oder wann ein abgeschlossenes Coaching zu einer Therapie überleiten sollte. Zu solchen Fragen interviewen sie jeweils auf einen Stil bezogen weitere Spezialistinnen.

Coaches können also mit diesem Buch ihre Wirksamkeit bei Klienten erweitern, die z.B. unter einer narzisstischen, histrionischen oder Borderline-Persönlichkeit leiden. Das ist eine weitere Erkenntnis: ohne Leidensdruck werden nicht-klinisch behandlungsbedürftige Personen kaum zu einem Coach finden. Wo diese Personen eventuell von Dritten ins Coaching geschickt werden, gilt es, die besonderen Herausforderungen für die Zusammenarbeit vorab zu kennen.

Der vorgestellte Ansatz ist also ein Gegenbild zu de Shazers Kurzzeittherapie, der explizit davon absah, das Syndrom des Patienten analysieren zu wollen (Frage: „Wirkt Ihre Therapie auch bei Alkoholikern?“ De Shazer: „Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, ob ich einen vor mir habe.“). Andererseits sind Hafner und Ritz methodenoffen: Sind die Klientinnen in ihrem Stil erkannt und ist einmal eine Coaching-Beziehung aufgebaut, können die üblichen bzw. die passenden Coaching-Methoden und -Prozesse folgen und zum vom Klienten angestrebten Erfolg führen. Das gilt des Weiteren auch für abhängige, selbstunsichere, passiv-aggressive und zwanghafte Stile, die natürlich auch als loyal, selbstkritisch, kritisch oder sorgfältig beschrieben werden können.

Fazit: Coaches lernen mit einem systemischen (funktionsanalytischen) Blick, die Funktion extremer Persönlichkeitsstile einzuordnen und eine Coaching-Beziehung zu Personen mit diesen Stilen aufzubauen. Damit erweitern die Autorinnen Handlungsmöglichkeiten von Coaches, die wiederum die Selbststeuerungskompetenzen ihrer Klienten wirksam erweitern können.

Björn Rohde-Liebenau

Ombudsmann, Mediator und Coach
RCC@risk-communication.de