Integrative Supervision, Meta-Consulting, Organisationsentwicklung: Ein Handbuch für Modelle und Methoden reflexiver Praxis

Rezension von Professor Dr. Harald Geißler

Um es gleich vorweg zu sagen: Das vorliegende Buch, in dem sich das Lebenswerk des Autors verdichtet, ist - auch für den/die wissenschaftlich versierte(n) Leser/in - eine anstrengende Lektüre. Aber die Mühe lohnt sich: Denn es ist hinsichtlich seiner Bedeutung für die Theoriebildung von Supervision und auch Coaching kaum zu überschätzen, und zwar deshalb, weil es eine theoretisch außerordentlich breite und systematisch in die Tiefe gehende Konzeption vorstellt, die schonungslos die Augen öffnet für mögliche Reflexionslücken im Bereich von Supervision und Coaching.

Der Anspruch des Autors ist, persönliche Selbstreflexion, erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Methodologie und pragmatisch-gestalterische Beratung konzeptionell zu integrieren und auf dieser Grundlage Modelle und Methoden reflexiver Praxis zu entwerfen, in denen sich eine politische, supervisionstheoretische, praxeologische und normative-ethische Perspektive verbindet. Er schließt dabei an sozialpsychologische, kognitivistische, systemisch-sozialökologische und sozialkonstruktivistische Theorietraditionen und vor allem an die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und den Poststrukturalismus an. Von zentraler Bedeutung für seine so angelegte Theorie ist sein phänomenologisch, hermeneutisch, werte- und handlungstheoretisch begründetes Modell einer "Praxis-Methodik-Theorie-Legitimation". Es beinhaltet folgende vier Ebenen: I. "Praxis und Kooperation", d.h. Erleben im Handeln, II. "Ko-respondieren und Konstitution", d.h. Kommunizieren in der Praxis und über Praxis, III. "Koreflexion und Konstruktion", d.h. Ausarbeitung von Wissensbeständen, und IV. "Reflexion, Koreflexion, Metareflexion und Legitimation" als Reden über Reden, Nachdenken und Begründen. Dieses Modell korrespondiert mit den vier Theorieebenen des "Tree of Science" der Supervision: I. "Metatheorien" im Sinne von "large range theories" (Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, allgemeine Forschungstheorie, Anthropologie, Gesellschaftstheorie und Ethik), II. "Real explikative Theorien im Sinne von "middle range theories" (Allgemeine Theorie der Supervision, Theorie und Methodik der Supervisionsforschung, Theorien sozialer Relationen, Persönlichkeitstheorie, Gesundheits-, Krankheitslehre für supervisorische Kontexte und spezielle Theorien der Supervision), III. "Praxeologie" im Sinne von "Small range theories" (Praxeologie als Theorie supervisorischer Praxis, Praxis der Supervisionsforschung, Interventionslehre- Prozesstheorien, Theorie des Settings, Theorien zu spezifischen Klientensystemen und Theorien zu spezifischen Feldern) und IV. "Praxis" (Praxis in Dyaden, Praxis in Gruppen und Teams, Praxis in Organisationen und Institutionen, Praxis in Feldern und Praxis in unterschiedlichen Klientensystemen).

Dieser - den ersten, d.h. theoriebegründenden Teil des Buches - einleitende Theorieaufriss wird in einer Reihe relativ eigenständiger Aufsätze vertieft, indem die konzeptionelle Bedeutung von "Mehrperspektivität" (S. 89 ff.) herausgearbeitet wird, Supervision zwischen Exzentrizität und Engagement thematisiert (S. 149) und Anonymisierung und Schweigepflicht als methodologisches, ethisches, klinisches und juristisches Problem diskutiert wird (S. 159 ff.). Auf dieser Grundlage werden im zweiten Teil des Buches verschiedene praxeologische Perspektiven ausgeleuchtet. Sie beziehen sich auf die diskursive Optimierung von Management als Systemfunktion (S. 179 ff.), auf das "Konflux-Modell" und die Arbeit mit kokreativen Prozessen in Teamarbeit, Teamsupervision und Organisationsentwicklung (S. 211 ff.), auf Erfahrungen mit "Culture Charts" und "Power Maps" (S. 249 ff.), auf das Ressourcenkonzept in der sozialinterventiven Praxeologie und Systemberatung (S. 287 ff.), auf das Konzept der "Kundenorientierung" in psychosozialen Institutionen und Organisationen (S. 321 ff.), auf das "integrative Teamkonzept" (S. 351 ff.) und auf Affiliation, Reaktanz, Übertragung, Beziehung und Bindung als Modalitäten supervisorischer Relationalität (S. 367 ff.).

Alle Einzelaufsätze zeichnen sich durch ein höchst anspruchsvolles Reflexionsniveau aus. Diese Leistung verdient uneingeschränkte Anerkennung. Problematisch jedoch ist, dass dabei in Kauf genommen wird, alle diejenigen Leser einzuschüchtern, denen das notwendige breite Hintergrundwissen fehlt und die die Mühe scheuen, sich die tiefgreifend begründeten, dabei sich von der Alltagssprache aber oft weit entfernenden Sprachschöpfungen des Autors anzueignen. In diesem Sinne vertritt Petzold einen elitären Ansatz, der in provokativer Spannung zu derjenigen Literatur über Supervision und Coaching steht, die konzeptionell deutlich weniger anspruchsvoll ist, weil sie sich am Kriterium geschäftstüchtiger Eigenvermarktung orientiert und deshalb sich auf die Aneinanderreihungen gefälliger Plausibilitäten beschränkt.

Eine solche Herausforderung scheint mir dringend notwendig. Auf der anderen Seite hingegen frage ich mich, wie gut Petzold seine Ziele erreichen kann. Ich stelle diese Rückfrage vor dem Hintergrund meiner eigenen - ambivalenten - Erfahrungen, die ich beim Lesen des Textes gemacht habe: Es war einerseits Faszination der außergewöhnlichen Breite, Durchdringungstiefe und systematischen Konzeptionalisierung der rezipierten Theorien. Auf der anderen Seite hingegen war es aber auch die Erfahrung, nur mit Anstrengung Zugang zu einer Gedankenwelt zu bekommen, deren Exklusivität nicht nur positiv konnotiert ist, weil der Autor mit seiner elitären Sprache unnötig viele von einem fruchtbaren - und auch notwendigen - Dialog mit ihm ausschließt.



Professor Dr. Harald Geißler

Helmut-Schmidt-Universität Hamburg
geissler@coaching-gutachten.de