Gruppen und Teams professionell beraten und leiten

Rezension von Jan-Christoph Horn

Rosa Budziat und Hubert R. Kuhn möchten mit diesem Lehr- und Praxisbuch die Lücke zwischen Gruppendynamik und systemischer Praxis schließen. Ihr Impuls ist, die Arbeit mit Gruppen als dynamisches Geschehen zu begreifen, systemisches Verstehen als eine hilfreiche Referenz hinzuzuziehen und so die Potentiale einer Gruppe besser zu nutzen. 

Sie erschließen zu Beginn ein systemisches Verständnis von Gruppen. Sie lesen dazu verschiedene systemische Ansätze auf ihr Verständnis von Gruppen hin aus. Während die Darstellung komprimierend gut gelingt, ist die zusammengefasste systemische Sicht auf Gruppen zu schlicht gestrickt. Die Darstellung, dass eine Gruppe ein selbstorganisiertes System ist, wird dem systemischen Denken nicht gerecht. In diesem ist eine Gruppe weiter als ein System zu verstehen, dessen Beginn nicht determiniert ist. Systemisches Beobachten beginnt also nicht mit der Feststellung „da ist eine Gruppe“, sondern muss die Determinierung der Gruppe bereits systemisch ausdrücken: Warum ist diese Gruppe und warum ist sie nicht?

Nach einem gelungenen Durchgang durch gruppendynamische Hintergründe und Konzepte verdichtet sich der Eindruck, dass der Einsatz systemischer Konzepte lediglich dazu dient, komplexe Ganzheiten zugänglich(er) zu machen. So beinhaltet das vom Autorenduo entwickelte Modell der Gruppendynamik keine Reflexionen auf die Systemfunktionen seiner Bestandteile, sondern stellt die Komplexität der Dynamik in Gruppen als Mehrebenenmodell dar. Als ein solches macht es seine Sache aber gut, weil es relevante Kontexte von Gruppen, intradynamische Prozesse und prozessuale Schritte einer Gruppe zugänglich in eine Ganzheit stellt. Das ist für die Arbeit mit Gruppen eine gewinnbringende Perspektive, die auch eine emanzipatorische und politische Qualität enthält. Die ausführlichen Darstellungen dieses Modells sind zugänglich, konkret und praxisnah, sodass das Buch als Einführung in die Gruppendynamik durchaus einen Platz neben „Wie die Gruppe laufen lernt“ (Barbara Langmaack & Michael Braune-Krickau) und „Dynamik in Gruppen“ (Eberhard Stahl) verdient. 

Konzeptionell interessant ist der Abschnitt über die Steuerung von Gruppen. Hier wird dem kybernetischen Denken Tribut gezollt, in dem die Möglichkeit instruktionistischer Leitung verneint wird. Es gibt lediglich die Möglichkeit zur Intervention in Selbstorganisation. Verschiedene Interventionsrollen (u.a. Berater, Trainer, Teamleitung) im Kommunikationssystem werden anschaulich reflektiert. So entstehen Role Models, an denen man sich im eigenen Tun orientieren kann.

Das abschließende Methodenkapitel wird sympathisch als „facilitating structures“ eingeleitet. Es bietet zwar keinen originellen, aber dafür einen profunden Pool – gerade für Menschen, die sich noch orientieren müssen. Zeitgemäß werden im digitalen (Gruppen-)Raum durchführbare Methoden eigens markiert. Für den angezielten „Lückenschlag“ wären Hypothesen über Wirkungen der Methoden im Gruppenkräftefeld interessant gewesen. Gegenüber einem umfangreichen Literaturverzeichnis fallen Glossar und Stichwortverzeichnis hinsichtlich der Fülle des Buches unterkomplex aus.

Fazit: Eine gelungene Einführung in die dynamische Arbeit mit Gruppen. Weniger systemisch, als der Titel erwarten lässt – die Stärke liegt in einer gelungenen Systematik.