Entscheidungen ohne Grund

Rezension von Dr. Wolfgang Looss

Klaus Eidenschink ist insbesondere in jenen Populationen der Beratungswelt prominent, geschätzt und auch umstritten, die sich klärend und suchend mit theoretischer Fundierung und konzeptioneller Vertiefung unserer Profession befassen. Die von ihm und seinem Team vor Jahren gestartete komplexe Internetpräsenz zur „Metatheorie der Veränderung“ hat sich als vielgenutzter Bezugsrahmen beraterischer Theoriebildung etabliert. Die dort entwickelte ganz eigene zirkuläre und vernetzte Darstellung gilt als gelungenes Modell der Komplexitätserfassung und -würdigung.

Nun hat Eidenschink – zusammen mit seinem Kollegen und Wegbegleiter Ulrich Merkes – den organisationstheoretischen Ausschnitt aus diesem komplexen gedanklichen Biotop für das etablierte, aber eben nichtzirkuläre Medium „Buch“ aufbereitet. Es geht ihnen nach eigenen Angaben darum, weitere Mitdenkende zu finden und verbreitete vereinfachende, ideologisierte und bloß pragmatisch empfehlende Annahmen über Organisationen zu hinterfragen.

Dabei erweist sich das vorhandene Rahmenwerk von neun organisationstheoretischen Leitunterscheidungen entlang der Luhmannschen Entscheidungsprämissen als robust und ergiebig. Den Autoren gelingen vielfältige Aufräumarbeiten unter den zahlreichen ideologischen, vereinfachenden und abgenutzten Aussagen über Organisationen. Das liest sich elegant, ist in der Wirkung informativ und hilft dabei, mit immer noch ignorierten Selbstverständlichkeiten beim Verstehen der Abstraktion „Organisation“ Freundschaft zu schließen. Nun kann wirklich niemand mehr gedanklich ohne die immerwährende Prozesseigenschaft von Organisationen operieren. Und alle Versuche haben nun ein Ende, doch noch mal Widersprüche, Paradoxien, Konflikte, Vielfachlogiken oder Polaritäten aus dem Umgang mit Organisationen herauszuhalten, nur damit immer noch scheinbar „linear optimiert“ oder „zielorientiert gesteuert“ werden kann. Das lässt aufatmen.

Die Autoren helfen dabei: Sie streuen illustrative Fallbeispiele aus dem Beratungsalltag ein. Sie formulieren bewusst eben nicht soziologisch, sondern bemühen sich um Anschlussfähigkeit an beraterische Praxis. Sie verankern und belegen ihre Überlegungen mit der gängigen und bekannten Fachliteratur. Ein bereicherndes Lesevergnügen, weil deutlich wird, dass systemisches Herangehen beim Verstehen tatsächlich nützlich ist, auch wenn die Widersprüche nicht ausgeblendet werden.

Am Ende werden sehr explizit und handfest Konsequenzen für das Beratungshandwerk aufgezeigt, denen wohl die allermeisten Praktiker und Praktikerinnen gut zustimmen können. Da geht es um Zeitperspektiven, um Andersartigkeit der Beobachtungen, um Rätselfreude, unausweichliche Spaltungen oder eben auch die notwendige Organisationskompetenz für „Glück und Leid“ oder Gefühle.

Der Text endet mit einer Auflistung von zehn notwendigen Eigenschaften und Kompetenzen für Beratungspersonen. Das liest sich irgendwie vertraut und dennoch ab und an ungewohnt. Es kommt gelegentlich mit einem kollegialen Augenzwinkern daher und erzeugt aufatmendes Wiedererkennen unserer Beratungsmühen.

Fazit: Auf gut 100 Seiten findet sich ein Text zum Aufwachen, Aufräumen und Aufbrechen und damit eine Einladung, sich immer mal wieder in den verschachtelten Strukturen der „Metatheorie“ zu verlieren.



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