Cover: Die polyvagale Hausapotheke - Soforthilfe für angespannte Nerven
Herbert Grassmann, Larissa Grassmann

Die polyvagale Hausapotheke - Soforthilfe für angespannte Nerven

Rezension von Leane Zaborowski

4 Min.

Von einer Hausapotheke darf man erwarten, dass sie Abhilfe schafft: wirksame Mittel, unkomplizierte Anwendung, möglichst wenig Nebenwirkungen. Ein akutes Unwohlsein sollte sich behandeln lassen, ohne dafür erst den Fachmann aus dem Wochenende holen zu müssen; die Linderung darf gern zeitnah eintreten. Mein Anspruch an die „Polyvagale Hausapotheke“ war entsprechend hoch. Ich öffne also den inneren Medizinschrank und wage die Selbstmedikation:

Dafür beginne ich zunächst ganz hinten, beim Polyvagal-Typen-Test. Die Autoren versprechen, dass Lesende damit herausfinden können, wie ihr Nervensystem typischerweise „im Alltag tickt“. Obwohl ich mich viel mit der Polyvagal-Theorie befasst habe, war mir ein solcher Selbsteinschätzungstest bisher nicht begegnet. Am Ergebnis lese ich nun ab, dass ich offensichtlich ein recht ausgewogenes Nervensystem habe. Wie erfreulich. Gleichzeitig stört mich die etwas schlichte Typologisierung. Ich lege das diagnostische Attest beiseite, blättere nach vorne und widme mich der theoretischen Einleitung.

Herbert und Larissa Grassmann, Psychotherapeut und Physiotherapeutin, sind dem Begründer der Polyvagal-Theorie Stephen W. Porges seit langem eng verbunden. Sie haben das 1994 erstmals vorgestellte Konzept des Traumaexperten tief verstanden und mit ihren Erfahrungen aus jahrzehntelanger Arbeit mit menschlichen Körpern und Psychen verbunden. Ich merke dies bereits im ersten Teil des Buches, in dem sie eine verständliche Einführung in die Funktionsweise des autonomen Nervensystems geben. So werde ich an die beiden zentralen Akteure erinnert: den Sympathikus für Anspannung und den Parasympathikus für Entspannung. Dann lerne ich den eigentlichen Star der „Polyvagalen Hausapotheke“ kennen: den Vagusnerv, unseren zehnten Hirnnerv. Er gehört zum Parasympathikus und spielt laut Porges eine zentrale Rolle für unser Sicherheitsempfinden. Hat er Stress – nach einer punktuellen traumatischen Erfahrung oder durch chronischen Dauerstress – bleibt unser Körper im Alarmzustand und entwickelt mitunter ziemlich unangenehme Symptome.

Wie wir unseren Körper wieder in eine gefühlte Sicherheit führen und unser autonomes Nervensystem sanft ausbalancieren können, damit befasst sich der Hauptteil des Werkes. Das Grassmann-Duo trägt darin leicht umsetzbare Atem-, Körper-, Blick- und Haltungsübungen zusammen, die überwiegend alleine durchführbar sind und manchmal einen Partner erfordern. Dieses Neurozeptionstraining ist eine kluge Kombination aus den jeweiligen Fachgebieten – Körper und Psyche – der beiden Autoren. So entsteht ein ganzheitlicher Ansatz zur Regulation des Nervensystems, ein praxisorientierter Apothekerschrank mit mehr als 60 körperbasierten Mini-Interventionen. Während Fachliteratur über das Nervensystem nicht selten theoretisch-abstrakt bleibt, finden sich hier Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Wirkungserläuterungen und konkrete Anwendungshinweise.

Und wie ich sie anwende, diese Mittel der Hausapotheke! In den nächsten Wochen verschreibe ich mir täglich eine kleine Dosis. Ich streife durch meine Umgebung und schaue meinem inneren Bodyguard über die Schulter: Was stuft er als sicher, was als unsicher ein? Ich teste meine Herzkohärenz, übe mich in der tiefen Rückenatmung, löse meinen Kiefermuskel, probiere die Vagus-Ohrmassage aus, lasse meinen Blick springen, finde mit der Hara-Übung einen Ort innerer Souveränität und verliere sie gleich wieder beim Versuch, mein Selbstbewusstsein über den Quadrizeps zu aktivieren. Kurz ereilt mich Panik, als mir klar wird, dass ich für diese Rezension niemals alle Übungen werde ausprobieren können. Zur Hilfe eilt die Nr. 49, „Die Kraft eines klaren Neins“, und ich erlaube mir dieses Nein. 

Über den Einsatz der Hausapotheke im Coaching

Wer vermutet, dass die Erkenntnisse rund um die Polyvagal-Theorie nur in der therapeutischen Behandlung traumatisierter Menschen Anwendung finden, liegt falsch. Spätestens im Absatz über chronisch variablen Stress wird deutlich, warum jeder von uns den unsichtbaren Gefahren des Alltags ausgesetzt ist. Dazu gehören die Reizüberflutung des digitalen Zeitalters – u.a. fehlende Pausen, unterdrückte Sensomotorik und eine Überlastung des visuellen Systems durch Bildschirmarbeit oder Fernsehen – genauso wie der häufig anzutreffende Zustand chronischer Selbstverleugnung, den auch Gabor Maté schon beschrieben hat. 

Für Akutsituationen im Beruf und Privatleben hält die Hausapotheke einen Notfallkoffer bereit: konkrete Interventionen, die schnell wirken und einfach umzusetzen sind. Diese SOS-Strategien sollen z.B. bei Angst, Nervosität, Gedankenkarussell, Schlafproblemen, Wut, emotionaler Überflutung oder „wenn man sich mal wieder klein fühlt“ helfen. Also bei Themen, die wir auch aus dem Coaching kennen.

Fazit: Der Polyvagal-Ansatz war in letzter Zeit immer wieder wissenschaftlich umstritten. Und auch Selbsthilfe hat Grenzen, besonders dann, wenn der innere Rauchmelder seit Jahren auf Daueralarm steht. Wenn wir dieses Buch aber als das verstehen, was es sein möchte, nämlich eine gut sortierte, körperbasierte Erste-Hilfe-Box für angespannte Nervensysteme, dann leistet es sehr gute Dienste. Für alle, die Sicherheit im Körper spüren wollen, anstatt sie nur kognitiv zu verstehen, ist es eine klare Lese- und Handlungsempfehlung.

Leane Zaborowski

COACHING by Leane Zaborowski
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www.leane-zaborowski.de

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