Die Coaching-Praxis: Mit Methode zu neuen Perspektiven. Weinheim: Beltz.

Rezension von Thomas Webers

Dieses Buch verspricht einen einzigartigen Überblick über die praktische
Coaching-Arbeit. Die Leser sollen die Grundlagen eines zeitgemäßen Coachings
sowie einen umfassenden Einblick in die Arbeitsweise von Coachs erfahren. Das
ist ein stolzer Anspruch. Ob das Buch dem gerecht wird?

Zunächst muss festgehalten werden, dieses Buch ist der dritte Band einer fünfbändigen
Reihe "Mit Kommunikation zum Erfolg". In den anderen Bänden geht es um Präsentation,
Workshops, Konfliktmanagement und Moderation - sozusagen die komplette
Rundumversorgung für die Business-People im praktischen Schuber. Da sollte man
schon etwas erwarten können...

Doch dieses Buch ist eine Kompilation. Es basiert auf anderen Werken im
Verlagsprogramm des Beltz-Verlags, den Büchern von Regina Mahlmann (2001),

Gabriele Müller
(2003), Björn Migge (2005) sowie
Eckard König & Gerda
Volmer
(2002). Da stellt sich natürlich sofort die Frage, haben wir es hier mit
einem "Best of" zu tun? Ist das Ganze mehr als die Summe seiner Einzelteile?
Oder handelt es sich bloß um einen Teaser, à la "Reader’s Digest"?

Im Vorwort erklärt die Herausgeberin, dass aus den Büchern diejenigen Beiträge
ausgewählt wurden, "die für das Verständnis der Coaching-Praxis wichtig und
grundlegend sind". Was mag sie wohl bewogen haben, das Mischungsverhältnis
eindeutig zu Gunsten von Migge (185 Seiten, also über die Hälfte) zu
akzentuieren? Auf Mahlmann sowie Müller fallen jeweils 44 Seiten, von König
& Volmer wurden nur 27 Seiten für wichtig erachtet. Ob es am Seitenumfang
liegt? Migges Buch kommt im Original mit stolzen 633 Seiten daher. Dagegen
bringen es König & Volmer nur auf "schlanke" 192, Müller schafft nur
161, Mahlmann gar nur 155 Seiten.

Zugeben, dies ist ein rein quantitativer Vergleich. Gehen wir anders herum,
inhaltsbezogen vor: Was hat die Herausgeberin aus den Originalwerken übernommen,
was hat sie weggelassen? Große Teile des Buchs von Müller finden wir wieder;
lediglich die Akquisitionsphase fehlt in diesem nach Phasen gegliedertem Buch
komplett, ansonsten wurden vor allem etliche praktische Übungen gestrichen.
Auch die beiden ersten Kapitel des Buchs von Mahlmann finden wir bei
Sachsenmeier wieder; "Coaching in Aktion", ein Coaching-Prozess, der
sitzungsweise reportiert wird, wurde gestrichen (hatte uns die Herausgeberin
nicht gerade auf die Coaching-Praxis neugierig gemacht?). Aus dem Buch von König
& Volmer wurden lediglich Teile aus dem Kapitel "Diagnoseverfahren"
verwandt, und zwar die Abschnitte zu den Methoden Interview und Fragebogen;
weite Teile dieses lesenswerten Buchs - Grundlagen, Coaching-Prozess, komplexe
Situationen, Coaching als Expertenberatung sowie Evaluation - fehlen
bedauerlicherweise.

Die Grundlagen darf nun Björn Migge vortragen. Migges Buch erfreut sich zwar
marktmäßig hoher Nachfrage, die sicher auch dem Einsatz im von ihm angebotenen
Fernlehrgang gezollt ist (Eigenwerbung: "Buch und Fernkurs von B. Migge ähneln
sich"), doch erscheint es dem anspruchsvollem Leser über weite Strecken doch
eher als "eine äußerst ‚wilde‘ Zusammenstellung von Methoden" (G.
Fatzer). Wäre die Herausgeberin da nicht besser beraten gewesen, mehr König
& Volmer und weniger Migge anzusetzen? Und dann diese Doppelung: Als zweites
Kapitel darf Gabriele Müller einen Überblick über das systemische Coaching
geben; 200 Seiten später legt uns dann Björn Migge die systemischen Konzepte
in der Beratung dar. Mag man mit Müller schon nicht immer ganz d’accord
gehen, neigt sie doch dazu, großzügig die Unterschiede zwischen NLP und
Systemik zu nivellieren, irritieren den Leser die Ausführungen Migges: Wenn er
in koketter Lässigkeit von Gregory Bateson zu Bert Hellinger und weiter zu
Niklas Luhmann springt, kann dem einigermaßen vorgebildeten Leser schon mehr
als schwindelig werden. Dagegen nimmt sich die Wiederholung des Irrtums, dass
die "Logischen Ebenen" von Robert Dilts auf Gregory Bateson zurück gehen,
den Gabriele Müller vorträgt, harmlos an. In Anbetracht der schon 1998 von
Klaus Grochowiak eloquent vorgetragenen Argumentation
kann von einem zehn Jahre
später erschienenen Buch mehr erwartet werden.

Nein, das Buch-Konzept überzeugt nicht. Wenn der Klappentext verspricht, dass
wichtige Ansätze und Modelle, Werkzeuge und Methoden aus der Coaching- und
Beratungspraxis im Buch anschaulich dargestellt, und der konkrete Ablauf und
Prozess eines Coachings aufgezeigt werden, muss man dagegen halten: Die
Quadratur des Kreises - aus 4 mach‘ 1 ist nicht aufgegangen; unterm Strich
kommt deutlich weniger als 1 heraus. Besser bedient ist man mit anderen,
einzelnen Büchern.



Thomas Webers

coaching@thomas-webers.de

Cover Die Coaching-Praxis: Mit Methode zu neuen Perspektiven. Weinheim: Beltz.

  • von Björn Migge, Regina Mahlmann, Gabriele Müller (17.11.2008)
  • Julius Beltz GmbH & Co. KG
  • ISBN: 3407364822, 315 Seiten
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