Die Bedeutung von Übergangsritualen in reflexiver Beratung

Rezension von Dr. Thomas Hanstein

Wir leben in einer Zeit rasanter gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche. Was gestern noch als mustergültig galt, kann schon morgen obsolet geworden sein. Der aktuelle Krieg Russlands gegen die Ukraine und seine gesellschaftlichen, psychosozialen und auch ökonomischen Folgen für Europa und die Welt haben dieses Phänomen zusätzlich beschleunigt. Insofern besitzt das Buch „Die Bedeutung von Übergangsritualen in reflexiver Beratung“ von Antje Pfab sowohl für den beruflichen wie für den privaten Kontext große Relevanz und hohe Aktualität.

Im Rahmen ihrer Dissertation untersucht die Autorin ausgehend von den beiden Kontexten ihrer beruflichen Sozialisation – Ethnologie sowie Coaching und Beratung – die Bedeutung von Übergangsritualen in reflexiven Beratungsformen. Ihr Fachbuch ist in sieben große, stimmig und spannend aufeinander bezogene Kapitel untergliedert, welche von der hinführenden Einleitung und dem ausführlichen Fazit gerahmt werden.

Im Kapitel „Rituelle Dimensionen in der heutigen Arbeitswelt“ wird der Stellenwert aufgezeigt, der Ritualen zukommt. Die Autorin stützt sich dabei auf die klassische These (z.B. nach Weinfurter), wonach Rituale Teil von Kultur sind und somit keinen Lebensbereich ausklammern. Dies wird an Beispielen belegt; aktuelle Rahmenbedingungen der heutigen Arbeitswelt – wie Technisierung, Digitalisierung, Transformationsprozesse, Rationalisierung und Ökonomisierung – werden dabei berücksichtigt. Das Kapitel „Ritualforschung und Ritualtheorien“ setzt sich mit der Forschung zu Ritualen seit der Antike auseinander und exemplifiziert dabei ausgewählte Ansätze, deren Ziele, Möglichkeiten und Grenzen (z.B. nach Durkheim). Im Teil „Übergangsrituale und ihre Formen und Funktionen in der westlichen Gegenwartsgesellschaft“ wird der erste thematische Schwerpunkt des Buches – Übergangsritual – näher analysiert. Die folgenden drei Kapitel verklammern diesen mit dem zweiten Schwerpunkt: „reflexive Beratung in der Gegenwartsgesellschaft“. Dabei werden konkrete Möglichkeiten vorgestellt, Übergangsrituale als Gegenstand von Coaching- und Beratungskontexten zu bestimmen. 

Der abschließende Teil der wissenschaftlichen Arbeit „Die Bedeutung von Übergangsritualen in reflexiver Beratung“ motiviert auf mehrfache Weise dazu, Übergangsrituale in reflexive Begleitungsprozesse einzubinden: Erstens, weil sie Transformationsprozesse unterstützen können; zweitens, weil sie an die Ressourcenarbeit im Coaching angebunden werden können; drittens, weil Rituale des Übergangs „eine Verbindung schaffen zwischen Individuum und Gesellschaft oder auch kollektiven Vorstellungen, indem sie soziale Beziehungen und subjektive Erfahrungen beeinflussen und beide Dimensionen miteinander ‚versöhnen‘“ (S. 297). 

Die Autorin wirbt als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Ethnologin, Coach und Supervisorin, dafür, mit einem tiefe(re)n Verständnis für die Bedeutung von Ritualen im Allgemeinen und von Übergangsritualen im Speziellen die Qualität in Begleitungsformen der reflexiven Beratung zu erhöhen. Als Grundlage wird die Reflexion sozialphilosophischer und ethnologischer ritualtheoretischer Diskurse empfohlen. Der Ertrag dieser theoretischen Analyse wird auf die Gestaltung von Beratungsformaten übertragen. 

Am Ritual Hochzeit wird zum Ende aufgezeigt, wie Individualität, Kontext und Reflexivität entsprechend des jeweils geltenden kulturell-gesellschaftlichen Kontextes aufgegriffen werden können. Damit werden wesentliche Charakteristika, welche ein Ritual zum Ritual machen, verdeutlicht und zudem die Anpassungsfähigkeit und -notwendigkeit eines Übergangsrituals veranschaulicht. In dieser Spur bildet auch der ausführliche Anhang Ritualbezüge und Interventionen mit rituellen Elementen ab. Allein diese Übersicht stellt für die praktische Arbeit mit (Übergangs-)Ritualen im Bereich Coaching eine wertvolle Sammlung dar.

Vielfältige Modelle aus den Sozialwissenschaften und ihren angrenzenden Disziplinen wurden für das Werk herangezogen und aufgrund der interdisziplinären Fülle an Literatur zu diesem Thema in nachvollziehbarer Weise immer wieder mit ausgewählten Bereichen dargestellt. Dass die Disziplinen der Religionswissenschaft und insbesondere der Theologie dabei nur sehr sparsam Berücksichtigung finden, spiegelt den rasanten Bedeutungsverlust von Religion und Kirche in den letzten Jahren wider. Zumindest Übergangsrituale an den entscheidenden Passagen des Lebensanfangs und -endes (ritualisiert mit Taufe und Begräbnis) waren bis vor Kurzem im unangefochtenen Bereich dieser klassischen Formate. Somit erscheint es stimmig, dass im Buch auch keine Beispiele aus diesen Lebenspassagen aufgegriffen werden. Im Coaching ist der Bereich der Trauer schon seit Längerem bewusst (z.B. Perspektivenwechsel oder Trauercoaching). Insofern sollte daran, mit Unterstützung dieses lesenswerten Fachbuches, konzeptionell und praxisnah weitergearbeitet werden.

Fazit: In einer überzeugend stringent und logisch aufgebauten Methodologie setzt sich das Buch mit einem fast unüberschaubaren Gegenstandsbereich auseinander: der Bedeutung von Ritualen. Klassiker werden ebenso aufgegriffen wie aktuellere Ansätze im Kontext Beratung. Unabhängig von der beruflichen oder privaten Veränderung bekommen die Lesenden reichlich Anregungen, die individuelle Lebensgestaltung und -planung ritualbasiert vorzunehmen. Für Coaches bietet das Buch theoriebasierte und auch praktische Impulse, insbesondere beim Wechsel von Lebenslagen und -phasen, die individuelle und kollektive Bedeutung von (Übergangs-)Ritualen im Bewusstsein zu halten und ausgehend davon adäquate Gesprächsformate zu entwickeln.



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