Cover: Der Sinn des Lebens in Coaching - Beratung – Führung
Björn Migge

Der Sinn des Lebens in Coaching - Beratung – Führung

Rezension von Prof. Dr. Andreas König

5 Min.

Das Buch stellt die zweite, erweiterte Auflage des Titels Sinnorientiertes Coaching im Beltz Verlag von 2016 dar. Der Nachfolgeband ist auf knapp 550 Seiten angewachsen und gliedert sich in vier große Abschnitte (wie bereits die erste Auflage). Der erste Abschnitt behandelt Grundfragen an den Sinn aus je verschiedenen Richtungen und versucht, aus Sicht verschiedener Disziplinen Antworten auf eine Definition zu geben. Der zweite Abschnitt versucht sich an philosophischen Grundfragen zum Sinn, während der dritte Teil auf große Vordenker eingeht, die in Philosophie, Literatur und Wissenschaft Beiträge (aus existentialistischer Sicht) zur Sinnfrage gemacht haben. Der letzte Abschnitt widmet sich schließlich der von Viktor Frankl begründeten Logotherapie und Existenzanalyse. Folgt man dem Vorwort, liegt der Fokus des Buches auf diesem vierten Teil, da Frankl heute in diesem Berufsfeld den wohl wichtigsten Denker und Praktiker des Sinns darstellt.

Schaut man auf den Band als Ganzes, stellt sich seine große thematische Breite sowie der Umfang an Themen und Aspekten als seine Hauptqualität dar. Wer als Interessierter oder auch als Profi mit Vertiefungswünschen das Buch in die Hand nimmt, erhält eine umfangreiche Palette an Fragen und Wissen ebenso wie eine facettenreiche Sichtweise von Autoren und Disziplinen. 

Der Aufbau der einzelnen Abschnitte weist in der Regel neben dem Text erstens einleitende persönliche Zitate auf (die allerdings nicht thematisch auf den jeweiligen Abschnitt bezogen sind), zweitens Reflexionseinladungen an den Leser, die der eigenen oder gemeinschaftlich zu vollziehenden Vertiefung des Gelesenen dienen sollen, sowie drittens eine mehr oder weniger lange Liste von thematisch fokussierten Lesehinweisen.

In Bezug auf die textliche Qualität des Buches fällt v.a. die einfache Sprache auf, die einer breiten Rezeption des Bandes sicher entgegenkommen wird. Redaktionell ist der Band auf hohem Niveau – was heute selbst bei Buchpublikationen leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Diese Eigenschaften machen den Band zu einer gelungenen Einführung in die Sinnfrage im Berufsfeld von Coaching und Beratung. Man erhält breites Grundwissen und einen guten Überblick sowohl über die Vordenker wie auch über verwandte Themenfelder. Insbesondere in den späteren Abschnitten (ab 3.3) kommen verstärkt Elemente hinzu, die sich auch für den praktischen Einsatz in der Beratung eigenen, wie z.B. Graphiken und Fragestellungen als Arbeits- und Reflexionseinladung oder Schemata zur Kurzpräsentation von Zusammenhängen.

Kritisch betrachtet weist der Band – aus Sicht des Rezensenten – auch Verbesserungsmöglichkeiten auf. Eine Hauptkritik betrifft konzeptionelle Aspekte des Bandes. Der Text wendet sich an Profis und verzichtet daher konsequenterweise auf Ausführungen zu Abgrenzung und Methoden des Coachings, der Beratung, Therapie usw. Andererseits aber werden vielerorts Grundlagen wiederholt, die man bei Profis durchaus unterstellen darf. So ist etwa nicht plausibel, warum es (wie in 1.1) Ausführungen zum Zuhören und Erzählen braucht, oder wozu eine so hohe Didaktisierung notwendig ist, sollten die professionellen Leser doch über genügend eigene Ansätze und Methoden verfügen.

Ein anderer Aspekt der konzeptionellen Kritik betrifft die thematische Breite des Bandes. Das Vorwort stellt die Bedeutung Frankls für die weitere Reflexion prominent heraus, aber die ersten Kapitel behandeln Fragen und Perspektiven, die sich aus Frankls Sicht nicht primär im Sinnzusammenhang stellen müssen und manchmal auch gar nicht sollten. Man muss eben nicht religiös gebunden sein, um Sinn erkennen zu können, und sollte es nach Frankl auch gar nicht sein müssen, weil sonst das Sinnkonstrukt nicht als Anthropologikum greift. Mit Bezug auf den Text gesehen ist daher fraglich, wozu es umfangreiche Ausführungen zu und Auseinandersetzungen mit Glauben, Toleranz und anderen Grundlagen braucht, wenn doch die eigene methodische Umsetzung der Profis angestrebt ist. Hier wäre (v.a. für die heute immer „eiligen Leser“) eine straffere Hinführung zum Kern im vierten Abschnitt möglich gewesen.

Eine weitere konzeptionelle Frage betrifft die Gewichtung der Kapitel und Abschnitte. Aus Sicht des Rezensenten sind einige für die Sinn-Arbeit in der Beratung zentrale Aspekte sehr kurz abgehandelt, wie etwa die Trotzmacht des Geistes, wohingegen die recht intensive Befassung mit dem in Chile verbreiteten ontologischen Coaching – wenngleich sehr interessant – nicht unbedingt für jeden Praktiker in Westeuropa wichtig sein muss.

Auch eine inhaltliche Kritik ist zu führen: Sinn wird im Band ganz überwiegend im Singular als der eine Sinn des Lebens verstanden. Das erklärt zwar einerseits die breite Auslegeordnung von Denkern und Zugängen im Text, aber es erschwert (gerade aus Sicht Frankls) auch den individuellen Zugang, den Frankl als das Ver-Antworten von Sinnaufrufen je konkreter Lebenssituationen versteht. Für die professionelle Auseinandersetzung mit dem Sinn ist daher zu fragen, ob eine Beschränkung auf das im methodischen Setting Umsetzbare (wie es sich aus dem Franklschen Denken ergibt) nicht zweckmäßiger wäre. Allerdings muss diese Entscheidung immer individuell getroffen werden und kann also sicher auch anders geschehen.

Die einfache Lesbarkeit ist für ein breites Publikum von Vorteil, wird aber häufig auch mit dem Preis der Redundanz bezahlt – manches ließe sich kürzer sagen und auf den Punkt bringen, was den Text auch verdichten würde. Aber gerade diese vom Autor geplante Redundanz weist die Hauptfunktion des Bandes aus: Es ist ein Lesebuch, ein Sammelband mit zahlreichen Wissenszuträgen zur beruflichen Arbeit an der Sinnfrage. Es obliegt dem Leser, auszuwählen und zu entscheiden, welche Ansätze er wählen und vertiefen will. 

Fazit: Eine gelungene Einführung in die Sinnfrage im Berufsfeld von Coaching und Beratung. Das Buch besticht durch seine große thematische Breite und zugängliche Sprache. Kritiken betreffen die Redundanz, konzeptuelle Unausgewogenheiten und die Fokussierung auf die Sinnfrage im Singular. Insgesamt ein Grundlagenwerk, dem ein erfolgreicher Einsatz in Ausbildung und Praxis zu wünschen ist.

Prof. Dr. Andreas König

www.koenig-leadership-coaching.de

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