Das hat ja was mit mir zu tun!?

Rezension von Dr. Beyhan Şentürk

Seit einigen Jahren sind in Deutschland das Thema Diversität und die Frage nach dem Umgang mit Vielfalt in aller Munde. Spätestens seit #MeToo (2017), #MeTwo (2018) und #BlackLivesMatter (2013/2020) wird auch hierzulande in vielen beruflichen Kontexten darüber diskutiert, was Diskriminierung ist und wie ein angemessener Umgang mit Ausgrenzungen aussehen kann. Lediglich der Bereich Coaching und Beratung im deutschsprachigen Raum schien sich nur langsam für Fragen nach Machtstrukturen und ihrer permanenten Reproduktion zu öffnen. Jetzt – endlich – wird diese Thematik in vorliegendem Buch von Ilja Gold, Eva Weinberg und Dirk Rohr aufgegriffen.

Auf knapp 170 Seiten ermutigt das Autorentrio Coaches und alle in der Beratung Tätige, kritisch zu prüfen, welche Wirkungen institutionelle und gesellschaftliche Rassismen auf die eigene Arbeit haben. Gold, Weinberg und Rohr sind allesamt durch ihre beruflichen Tätigkeiten mit dem systemischen Ansatz wohlvertraut. Gleichzeitig machen sie eingangs klar: Das Buch ist aus der Sicht von Menschen verfasst, die nicht von strukturellem, institutionellem und gesellschaftlichem Rassismus betroffen sind. Sie selbst haben keinerlei Erfahrungswissen mit Rassismus. Sie richten sich damit vor allem an ein ähnliches, nämlich weißes Publikum. Es gehe darum, „lieb gewonnene systemische Gewissheiten und Methoden“ (S. 14) mit Hinblick auf Macht- und Rassismuskritik zu hinterfragen. 

Kurz, bündig und gut verständlich führt die Publikation in die Thematik ein und liefert Definitionen gängiger Begriffe. Anschaulich werden die Entstehung des Rassismus, seine Erscheinungsformen sowie die traumaähnlichen Auswirkungen bei Betroffenen skizziert. Zentral sind die Auseinandersetzungen mit systemischen Grundsätzen im Kontext von Rassismus, hier vor allem Neutralität und Allparteilichkeit, Ressourcen- und Lösungsorientierung sowie die Haltung des Nicht-Wissens. Außerdem werden interkulturelle Ansätze in systemischen Debatten kritisch beleuchtet. Auch wenn dieser Teil ein wenig theoretisch-nüchtern daherkommt, bringt er anregende Denkimpulse. Zudem gibt es eine Art Praxisanleitung, die Orientierung gibt, wie rassismussensibel im systemischen Beratungskontext gefragt und gearbeitet werden kann. Leider kommt dieser Teil ein wenig kurz. Das Buch ist keine Toolbox. Wer rassismussensible Methoden sucht, wird von diesem Buch enttäuscht sein. Die Reflexion der eigenen Haltung steht im Mittelpunkt. Und diese muss ohne Übungen oder Anleitungen auskommen. 

Die Lektüre eignet sich vor allem für neugierige Menschen, die sich erstmals mit Rassismus beschäftigen. Und es ist als Einstieg für all jene empfohlen, die ihre eigene systemische Beratungspraxis rassismuskritisch reflektieren wollen. Das Autorentrio will Mut machen – der systemische Ansatz hat so manche Anknüpfungspunkte für rassismussensibles Arbeiten (!) – und es will „Mosaiksteinchen eines neuen macht- und rassismuskritischen Bildes von Systemischer Beratung“ (S. 143) sein. Beides gelingt.

Fazit: Endlich gibt es rassismussensible Perspektiven im systemischen Ansatz – möge das Werk den Weg in den Ausbildungskanon vieler Beratungsinstitute finden.



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