Tests und Software im Coaching

Tests und Software im Coaching
© Foto: Khakimullin Aleksandr/Shutterstock.com

Immer mehr Testverfahren werden auch als Software-Variante angeboten. Der Vorteil gegenüber den Papier-und-Bleistift-Varianten ist offensichtlich: Statt mühsam mit Hilfe von Tabellen und Schablonen Ergebnisse auszuwerten, können die eingegebenen Daten von der Software sofort verarbeitet werden, teilweise kombiniert mit einer umfassenden schriftlichen Erläuterung, die aus Textbausteinen generiert wird. Der Preis ist zwar i.d.R. wesentlich höher als bei Papierversion, aber so spart der Anwender solcher Produkte Zeit. Was ist nun von solcher Software im Coaching zu halten?

Schaut man sich die gängigen Testverfahren an, die auch als Software verfügbar sind (z.B. in der Testzentrale), so fällt auf, dass neben dem oben dargestellten Nutzen kaum weitere Vorteile geboten werden. Im Coaching kommt die Frage hinzu, wie sinnvoll der Einsatz von Tests überhaupt ist. Zwar können Persönlichkeits- und Leistungstests durchaus zur Auswahl von Personen herangezogen werden. Im Coaching hat man es jedoch mit Einzelfällen zu tun. Dennoch kann es zuweilen, z.B. um sich relativ schnell einen strukturierten Einblick bzgl. eines Klienten zu verschaffen - die entsprechende Freiwilligkeit vorausgesetzt.

Fragen und Bedenken

Daneben gibt es zu Testverfahren eine Vielzahl ungelöster Fragen, zu denen bisher wenig bis gar keine befriedigenden Antworten vorliegen:

- So verweist z.B. Prof. Dr. Fredmund Malik in seinem Beststeller "Führen - Leisten - Leben" auf den Umstand hin, dass die Persönlichkeit einer Führungskraft viel zu sehr beachtet wird, obwohl er keinen nachweislichen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und dem Erzielen von Resultaten sieht. Nur für Letzteres werden Führungskräfte bezahlt, nicht für eine wie auch immer geartete Persönlichkeit. Dennoch werden immer wieder Persönlichkeitstests eingesetzt.

- Leistungstests messen oftmals nur die Tagesform und sind zudem spezfizisch für Auswahlverfahren, z.B. Assessment-Center. Ein Coaching-Klient wird sich mit Recht fragen, warum er ein "Mini-AC" über sich ergehen lassen muss, wenn er gecoacht werden will. Zudem bleibt fragwürdig, welche Ausagekraft und somit welchen Sinn ein solches Verfahren im Coaching haben kann.

- Feedback-Systeme wie z.B. das 360-Grad-Feedback sind längst nicht so unumstritteten, wie manche Hochglanzbroschüre es glauben machen will. Prof. Dr. Oswald Neuberger hält gar nichts von dieser Methode, da seiner Ansicht nach das Einbeziehen von Vorgesetzten, Mitarbeitern, Kollegen und z.T. auch von Kunden und Lieferanten wenig nutzt, da viele schlechte Feedbacks zusammen nicht ein gutes Feedback ergeben. Zudem dürften sich seiner Ansicht nach die Führungskräfte wie "Gefangene" in einem "Feedback-Käfig" fühlen.

- Berufseignungstests könnten theoretisch in Karriere-Coachings sinnvoll sein. Allerdings stellt sich insbesondere bei Führungskräften die Frage, welches Testergebnis soviel Aussagekraft haben kann, dass es tatsächlich bei einer Karrieentscheidung im Managementbereich von entscheidender Bedeutung ist. Meist spielen hier individuelle Faktoren und Marktbedingungen eine viel entscheidendere Rolle - Faktoren die von einem standardisierten Test eher nicht erfasst werden können.

Konkreten Nutzen hinterfragen

Die Kernfrage also lautet, was hat der Klient von dem Test zu erwarten? Gibt es einen konkreten Nutzen? Bei kritischer Betrachtung kann man zu dem Ergebnis kommen, dass insbesondere im Coaching als individuelle Beratung der Einsatz und das Ziel eines Software-Testverfahrens genau überdacht werden sollten. Tests können eine Bereicherung des Coachings sein, sie sollten aber nicht überbewertet werden - egal ob in der Papier- oder Softwarevariante.

So sollte es z.B. in der Interpretation von Ergebnissen immer Berücksichtigung finden, an welcher Normstichprobe ein Verfahren geeicht wurde. Viele Persönlichkeitstests stammen aus dem klinischen Bereich. Ihre Aussagekraft für die Zielgruppe "Management" kann daher ggf. als eingeschränkt gültig angesehen werden.

BIP

Eine Ausnahme bildet hier das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP) von Dr. Rüdiger Hossiep und Oliver Mühlhaus von der Ruhr-Universität Bochum. Das BIP hat eine Normstichprobe, die sich aus Fach- und Führungskräften, Hochschulabsolventen und Studierenden zusammensetzt. Zudem existieren für das BIP weitere für die wirtschaftsbezogene Diagnostik relevante Untergruppen. Das Einsatzgebiet des BIP sind Personalauswahl und -entwicklung sowie Hilfestellung bei Berufs- und Karriereberatungen. Auch das BIP steht als Papier- und Software-Varianten zur Verfügung.

Scan-up

Nur auf CD-Rom erhältlich ist das Testverfahren "Scan-up". Es wurde in über 20 Jahren Forschungstätigkeit von Prof. Dr. Julius Kuhl von der Universität Osnabrück entwickelt und basiert u.a. auf Ergebnissen der Hirnforschung. Mit Hilfe von ca. 350 Fragen werden Soft-Skills wie z.B. Durchsetzungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Motivationskompetenzen, Selbstmanagement uvm. erfasst. Der Test wird von dem Start-up-Unternehmen scan.up AG vertrieben. Das Verfahren ist für die Selbstanalyse, Personalauswahl, Karriereberatung und Teamarbeit geeignet.

Durch die reine Digitalisierung von Tests und Methoden ist oftmals versäumt worden, die eigentlichen Stärken von Computern zu nutzen, z.B. die Berechnung hochkomplizierter Daten und die Strukturierung komplexer Zusammenhänge. Da die meisten Programme diese Möglichkeit nicht nutzen, ist eine der wenigen neuentwickelten Ausnahmen um so bemerkenswerter, zumal sie sich nutzbringend im Coaching einsetzen lässt:

nextcoach

Die Software "nextcoach", entwickelt von dem NextPractice-Team um Prof. Dr. Peter Kruse aus Bremen, nutzt nicht nur eben diese spezifischen Stärken eines Computers, sie wäre auch ohne einen Computer praktisch nicht möglich und stellt somit eine der wenigen echten Innovationen dar.

Das Programm nextcoach ist in der Lage, sehr schnell und präzise (auch hochkomplexe) Beziehungssysteme zwischen Personen zu visualisieren. Dabei benötigt das Programm keine einengenden Vorannahmen bzgl. der Eigenschaften, die man Personen zuschreibt, sondern dies wird vom Klienten festgelegt und von der Software systematisch umgesetzt und strukturiert dargestellt. Das Programm wird dabei von dem Coach bedient (nicht von dem Klienten) und das Ergebnis erlaubt es, die subjektive Wahrnehmung des Klienten als 3D-Grafik abzubilden.

Innerhalb von 30-45 Minuten kann so durch die computergestützte Befragung ein Abbild der Umgebung des Klienten geschaffen werden. Das Ergebnis ist - im Gegensatz zur klassischen Aufstellungsarbeit - ein dreidimensionaler Raum, gefüllt mit Personen und Eigenschaften.

Mein persönliches Fazit: "nextcoach" gehört zu den wenigen Softwareprodukten, die im Coaching wirklich sinnvoll eingesetzt werden können. Das Erfassen der subjektiven Wahrnehmung des Klienten bzgl. seiner Umgebung hat im bisherigen Praxistest mit Klienten einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Es ermöglicht dem Coach und dem Klienten in vergleichsweise kurzer Zeit die Umgebung des Klienten strukturiert zu erfassen.

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