Ein Netz, das trägt

Ein Coaching-Tool von Tanja Dünnfründ

Ein Netz, das trägt
© Foto: Carlos Caetano/Shutterstock.com

Kurzbeschreibung

Die Klientin stellt ihr Netzwerk mit allen Personen aus dem beruflichen und privaten Kontext auf. Zur Bearbeitung eines konkreten Anliegens werden nun zentrale Personen identifiziert, die sie in der bestehenden Situation unterstützen können. So entsteht ein neues, verkleinertes Netzwerk, das die Personen und ihr Unterstützungspotenzial mit Bezug auf das anliegende Thema erfasst. Basierend auf diesem Subnetzwerk plant die Klientin die nächsten Schritte zur Lösung ihres Anliegens unter Einbeziehung der Kontakte.

Anwendungsbereiche

Dieses Tool passt gut in die vierte, die Change-Phase des COACH-Modells und eignet sich besonders bei der beruflichen Neuorientierung, im Fall von Konflikten, bei der Lösung von neuartigen Problemstellungen, bei Klienten, die Schwierigkeiten haben, Hilfe anzunehmen – und hat insbesondere weibliche Klienten als Zielgruppe.

Zielsetzung

„Ein Netz, das trägt“ kann Klienten die Größe und Tragkraft des eigenen Netzwerks vor Augen führen. Die Methode kann in konkreten Situation angewendet werden, um Möglichkeiten der Unterstützung aus dem eigenen Netzwerk zu identifizieren und annehmen zu können. Darüber hinaus eignet sie sich für die Selbstanwendung in zukünftigen Situationen. Ein Nebeneffekt ist eine Art „Kategorisierung“ der eigenen Kontakte mit Hinweisen, in welcher Form diese die Klienten unterstützen, aber auch von diesen unterstützt werden können.

Ausführliche Beschreibung

Das Leben in sich unterstützenden Gemeinschaften ist ein ganz altes Phänomen, dessen Bedeutung durch die Individualisierung unserer Gesellschaft lange in den Hintergrund gedrängt wurde. In Zeiten der Globalisierung und einer immer stärkeren Bedeutung der Social Media wie Facebook oder XING ist Netzwerken in aller Munde. Zentral ist beim Netzwerken das Geben und Nehmen. In der Regel investieren Menschen, wenn sie sich davon eine Gegenleistung jetzt oder in der Zukunft erhoffen. Diese Gegenleistung kann in sehr unterschiedlicher Form erfolgen: Von menschlicher Nähe über Partybegleitung, finanzielle Unterstützung, einem offenen Ohr bis hin zu der Vermittlung eines interessanten Kontaktes, eines speziellen Arztes oder Ähnlichem reicht die Palette. Dabei geht es nicht um einen sofortigen Austausch von „Leistungen“. Vielmehr geht es um die wahrgenommenen potenziellen gegenseitigen Unterstützungsmöglichkeiten und das Vertrauen in den Netzwerkpartner, dass er oder sie auch bereit ist zu investieren. Eine reine „Nehmer-Mentalität“ führt in der Regel rasch zu einem Einstellen des Gebens der anderen Netzwerkteilnehmer oder gar dem Ausschluss aus dem Netzwerk.

Netzwerke gewinnen immer mehr an Bedeutung. Auch Frauen erkennen mehr und mehr den Sinn von Netzwerken, was man aus der wachsenden Anzahl von Frauennetzwerken sowie der Öffnung klassischer Männernetzwerke wie Rotary für Frauen ableiten kann. Häufig nutzen Frauen diese Netzwerke jedoch lediglich zum Informationsaustausch und nicht gezielt für die berufliche Entwicklung. Frauen möchten in der Regel nicht den Eindruck erwecken, dass sie ihre Kontakte auszunutzen. Manchmal ist darüber hinaus der Blick auf die Unterstützungsmöglichkeiten verstellt. Der Coach kann den Klienten helfen, den Blick zu weiten, um im ersten Schritt zu erkennen, wie viele nützliche Kontakte sie haben. In einem zweiten Schritt geht es dann darum, die Unterstützungsmöglichkeiten ebenfalls wahr- und anzunehmen. Mithilfe dieses Tools soll die Einbindung des Netzwerks zur Unterstützung der eigenen Person erleichtert werden.

Anwendungsfall

In Bezug auf die aktuelle Situation der Klientin hat der Coach den Eindruck, dass externe Unterstützung sinnvoll sein kann, die Klientin Hilfe von außen aber nicht gerne annimmt. Diese Annahme ist zu prüfen, indem der Coach nach bestehenden Netzwerken fragt und inwieweit diese schon einbezogen wurden oder es geplant ist, diese einzubeziehen. Wenn hier keine Ideen vorliegen, sollte der Coach kurz einleitend die Bedeutung von Netzwerken und deren unterschiedliche Funktionen wie soziale Unterstützung, Hilfe bei fachfremden Themen, Expertenunterstützung, Freizeitmöglichkeiten und so weiter thematisieren.

Ablauf

1. Aufstellen des Netzwerks

Im ersten Schritt geht es darum, möglichst alle Kontakte zu benennen, die das Netzwerk bilden. Dabei ist es wichtig, möglichst breit vorzugehen. Alle Bereiche des Lebens sollen und dürfen berücksichtigt werden (Freunde, Verwandte, Kollegen – aktuelle wie ehemalige, Bekannte, Sport, Vereine, Chor, Club, Gemeinde, politische Initiativen, Nachbarn, Hochschulkontakte …). Die Klientin schreibt spontan alle Namen, die ihr einfallen, auf Zettel. Es geht um das reine Sammeln ohne Wertung. Diese Phase sollte nicht länger als fünf bis zehn Minuten dauern. Bei Bedarf kann der Coach durch Anregungen den Prozess unterstützen. Beispiele sind hier: Denken Sie auch an Ihre Hobbys! Gibt es noch weitere interessante Kontakte aus vorhergehenden Tätigkeiten? Engagieren Sie sich ehrenamtlich? Gibt es aus diesem Umfeld weitere mögliche Ansprechpartner? Gibt es aus dem Umfeld ihres Partners interessante Vernetzungen?

Einer Klientin wurden in diesem Zusammenhang erst die Größe und die Potenziale ihres eigenen Netzwerkes bewusst. Bis dahin hatte sie die einzelnen Bereiche eher isoliert betrachtet – Sport, Arbeit, ehrenamtliche Tätigkeit. Durch das plastische Legen ihres Netzwerkes wurde ihr deutlich, wie umfassend es ist und welche Querverbindungen auch innerhalb des Netzwerkes existieren. So konnte sie im Anschluss an diesen Coaching-Termin zwei ihrer Kontakte zusammenbringen: eine Kollegin, die nach Möglichkeiten zur Erweiterung ihrer Englischkenntnisse suchte, und die alte Schulfreundin, die gerade aus dem Ausland zurück einen englischsprachigen Stammtisch aufbauen will.

Nach dem Sammeln legt die Klientin das Netzwerk auf dem Boden aus. Eine Karte mit dem eigenen Namen bildet dabei das Zentrum. Der Coach lässt sich das Netzwerk erläutern und hinterfragt gegebenenfalls Aspekte, die ihm auffallen: die Abstände der Personen zum Klienten, Häufigkeiten von bestimmten Gruppen wie Kollegen oder Skatfreunde oder Muster von mehr als der Hälfte der Karten in großer Nähe zum Klienten liegend oder in extremer Distanz und so weiter.

2. Analyse des Netzwerks mit Bezug auf das konkrete Anliegen

Das konkrete Anliegen wird nun nochmals klar benannt und niedergeschrieben. Aus dem gesamten Netzwerk identifiziert die Klientin anschließend fünf bis zehn Personen mit Bezug auf das zu behandelnde Thema heraus. So ergeben sich Cluster wie beispielsweise diese:

  • Berufliche Neuorientierung: Welche Person kann mir bei der Jobsuche helfen? – Dies können beispielsweise eine ehemalige Kollegin, die selber vor Kurzem einen beruflichen Neustart gemeistert hat oder der ehemalige Personalentwickler des Unternehmens oder eine frühere Mentorin sein.
  • Neue internationale Aufgabe: Wer hat Erfahrungen im internationalen Arbeiten? – Hier bieten sich Kontakte an, die selber bereits im Ausland tätig waren. Dies können auch Menschen sein, die während der Schulzeit oder des Studiums im Ausland waren.
  • Erste Führungsaufgabe: Wer kann mich– fachlich oder mental – unterstützen? – In diesem Zusammenhang sind Kontakte interessant, die bereits formell oder informell die Aufgabe eines Mentors übernommen haben. Auch die ehemalige Kommilitonin, die im letzten Jahr ihre erste Führungsaufgabe übernommen hat, kann hilfreiche Tipps geben.

Auch hier ist es zentral, wieder möglichst breit zu schauen. Unterstützung in solch großen Themen wie neue internationale Aufgaben kann auf ganz unterschiedliche Aspekte zielen. Es geht sowohl um das Verständnis einer neuen Kultur als auch um Lebensbedingungen im Ausland und um Sprachkompetenz. Falls die Klientin Probleme mit der Identifikation geeigneter Kontakte hat, unterstützt der Coach gezielt durch aktives Hinterfragen.

Die Klientin schreibt für die identifizierten Personen neue Karten und bildet mit diesen ein neues Netzwerk analog zum ersten auf dem Boden. Im Anschluss lässt sich der Coach nun die einzelnen Personen und die Form der Unterstützung, die die Klientin sich vorstellen kann, erläutern.

Um diesen Schritt zu vereinfachen, kann ein Zwischenschritt mit dem Einsatz von Symbolen hilfreich sein. Diese erleichtern es manchen Klienten, Zuschreibungen zu treffen. Zu jeder Person sucht der Klient dazu ein Symbol aus einer Kiste. Diese Symbole legt er neben die Namenskärtchen. Nachdem alle Symbole liegen, bittet der Coach den Klienten, die Symbole zu erläutern. Hier kann zum Beispiel ein Sonnensymbol für mentale Unterstützung stehen, ein kleiner Spielzeughammer für handwerklichen Support, ein Teebeutel für Austausch und Zuhören und so weiter. Auch hier kann der Coach bei Bedarf durch aktives Fragen unterstützen. Zum Beispiel: In welchem Verhältnis stehen sie zur Klientin? Ist es ein beruflicher oder privater Kontakt? Wie eng ist der Austausch, den sie mit der Person bereits pflegen? Haben Sie in der Vergangenheit diese Person gegebenenfalls selber bereits aktiv unterstützt? Was schätzen Sie an der Person besonders? Was schätzt die Person an Ihnen?

Der Coach bittet die Klientin nun, die Unterstützung auf Karten zu schreiben, die diese Person der Klientin in Bezug auf ihr Anliegen geben kann. Diese Karte legt die Klientin dann neben den entsprechenden Namen.

Da Frauen häufig die Sorge haben, ihre persönlichen Kontakte auszunutzen, ist es wichtig, hier zusätzlich auch den Aspekt des Gebens zu integrieren. Dazu schreibt die Klientin auf eine zweite, farblich unterschiedliche Karte nun, was sie selber dieser Person anbieten kann oder welche Unterstützung diese Person bereits erhalten hat. Dabei geht es nicht nur um materielle Werte oder „anfassbare“ Hilfe wie das Streichen einer Wohnung, sondern insbesondere auch um emotionale Unterstützung. Wichtig ist es hier zu betonen, dass es nicht um einen gleichzeitigen Austausch von Hilfe geht. Wenn ein Vertrauensverhältnis besteht, gehen Menschen gerne auch in Vorleistung und unterstützen andere. Erfolgt Hilfe jedoch permanent nur in eine Richtung, so wird der Gebende sich nach einer Weile voraussichtlich zurückziehen. So ist zum Beispiel ein Trainer in der Regel gerne bereit, einen internen Personalentwickler mit Konzeptideen zu beraten oder Literatur zur Verfügung zu stellen, weil er sich zukünftige Aufträge verspricht. Wird aber immer wieder die kostenfreie Leistung abgerufen, ohne dass es zu bezahlten Aufträgen kommt, wird er diese Leistungen einstellen.

Wenn alle Personen besprochen sind, fragt der Coach nach, ob noch weitere Personen aus dem Ursprungsnetzwerk hinzugefügt werden sollen/müssen. Falls dies nicht der Fall ist, leitet der Coach zur Auswertung über.

3. Auswertung und nächste Schritte

Der Coach fragt die Klientin nach ihren Erkenntnissen.

Im Rahmen eines Coaching wurde der Klientin neben der Größe ihres Netzwerks auch die Eindimensionalität ihrer bisherigen Betrachtung bewusst. Die Kontakte wurden bloß in ihrem jeweiligen Umfeld wahrgenommen – die Mit-Seglerinnen unter Sport, die Kollegen unter Arbeit und so weiter. Im Rahmen der Analyse wurde ihr klar, dass eine der Seglerinnen sich auch gerade selbstständig gemacht hat und daher wertvolle Tipps für die eigene Gründung liefern kann.

Basierend auf den Erkenntnissen beschreibt die Klientin ihre angedachten nächsten Schritte. Gemeinsam konkretisieren Coach und Klientin diese und vereinbaren einen realistischen Umsetzungsplan sowie dessen Überprüfungsmöglichkeiten.

4. Selbstanwendungsmöglichkeiten der Methode

Zum Abschluss des Prozesses fragt der Coach nach, inwieweit die Klientin die Methode als hilfreich empfand und ob sie diese in der Zukunft anwenden möchte. Bei einem positiven Feedback regt der Coach an, dass die Klientin sich eine für sie passende Methode zur Dokumentierung ihres Netzwerks und der Unterstützungsmöglichkeiten sucht. Diese Dokumentation kann in elektronischer Form (über PowerPoint, Excel oder ein Datenbanksystem) oder in Papierform (als Mind-Map oder in Tabellenform) erfolgen. Gegebenenfalls kann der Coach der Klientin Methoden vorstellen und empfehlen. Abschließend hinterfragt der Coach, ob die Klientin weitere Unterstützung für die Selbstanwendung benötigt. Dieser letzter Schritt kann gegebenenfalls auch im nächsten Coaching-Termin erfolgen, falls die Zeit zu weit fortgeschritten ist oder dieser Schritt an der Stelle inhaltlich überfordert.

5. Weitere Anwendungen im Rahmen des Coaching

Falls die Methode erneut im Rahmen des Coaching-Prozesses eingesetzt wird, entfällt Schritt 1. Der Coach sollte aber hinterfragen, ob es seitdem gegebenenfalls Veränderungen im Netzwerk gegeben hat.

Voraussetzung/Kenntnisse

Keine, aber eine persönliche Affinität zu Netzwerken ist von Vorteil.

Technische Hinweise

Dauer: 70 bis 90 Minuten. Materialien: Karten, Stifte.

Weitere Coaching-Tools finden Sie auf www.coaching-tools.de. Hier stehen Ihnen zahlreiche Tools zum freien Download zur Verfügung.