Systemische Beratung jenseits von Tools und Methoden

Rezension von Günther Mohr

Das Buch beginnt mit einer persönlichen Unterhaltung der beiden Autoren zu ihren persönlichen Grunderfahrungen auf dem Berufslebensweg. Danach werden in sieben Kapiteln verschiedene Perspektiven gewählt, mit denen Menschen den persönlichen Bezug auf berufliches Tun insbesondere in beraterischen Arbeitsfeldern betrachten können. Die ersten drei Perspektiven sind Beruf, Professionalität und Organisation.

Der Beruf gibt dabei eine Art Überblick, im Abschnitt Professionalität werden Professionalitätsphasen (Einstieg, Lebensmitte, Seniorexperte), die verschiedenen Kompetenzen (Fach-, Feld-, Markt-, Netzwerkkompetenz) und die speziellen Integrationsformeln, wie Kompetenzen zusammenwirken können, erläutert. Dabei bevorzugen die Autoren generell einen Weg, der vor einfachen oder radikalen Positionen warnt und eher die geläuterte Lösung auf einer integrativen Stufe bevorzugt. Gleichzeitig Weltläufigkeit und Bodenständigkeit zu leben, ist dafür ein Empfehlungsbeispiel. Die Analyse versucht immer wieder, das Wesentliche in den Fragestellungen zu erfassen und nicht auf Vorgefertigtes oder oberflächlich Spektakuläres abzufahren. Dies lässt viele professionelle Fragestellungen (wieder) sehr menschlich erscheinen. Gleichzeitig treten sie aus den in diesem Zusammenhang oft gebrauchten begriffstechnischen Eigenwelten von HR-Management sowie Personal- und Organisationsentwicklung heraus und interessanterweise wieder in allgemein verständliche Zusammenhänge ein. Sie werden dadurch alles andere als trivial, es entsteht eine sehr angemessene Tiefenschärfe in der Betrachtung. Systemisch an Dinge herangehen bedeutet, eine bestimmte, auch in angemessener Distanz zum beruflichen Tun stehende Haltung, die Fähigkeit zum Metalog.

Die einzelnen Abschnitte werden immer wieder mit interessanten Reflexionsfragen abgeschlossen, die dem Leser die Gelegenheit geben, seinen eigenen Bezug zum jeweiligen Thema zu finden. Weiter geht es zur Frage, wie man seine Professionalität entwickelt. Hier sind die Figuren innere Bilder und die Theatermetapher, die am Wieslocher Institut von Schmid entwickelt wurden, wesentliche Konzepte. Inhaltlich sind die Argumentationen durch ein sehr starkes Vertrauen sowohl in den zu entdeckenden eigenen Weg jedes Menschen mit seinen individuellen Charakteristiken als auch die Kraft der situativen Intelligenz, wenn man vor einer Lebens- oder Berufsfrage steht, gekennzeichnet. Dies wird anschaulich untermauert durch praktische Beispiele zur Bedeutung des aktiven Resonanzeinholens und der Spiegelung durch andere Menschen, eine Methodik, die auch sehr typisch für die Arbeit des Instituts für systemische Beratung von Schmid ist. Professionelle Individuation, also professionelle Selbstfindung und -entwicklung braucht kompetente Spiegelung durch Kollegen.

Im vorletzten Kapitel steht der Milieuansatz im Zentrum der Betrachtung. Die Erfahrung, dass bestimmte "Bühnentauglichkeiten" im professionellen Leben, ob etwa jemand mit Topmanagern wirklich "kann", schon im eigenen Entwicklungsmilieu angelegt werden, mutet in den ansonsten eher von integrativ-liberaler, sehr abwägender Ausrichtung geprägten Konzepten fast schon wie ein leicht marxistischer Analyseausflug an.

Es folgt ein Vergleich unterschiedlicher Konzepte, wie über die Beseitigung von "Störungen" auf dem Entwicklungsweg nachgedacht wird. Dabei kommen der verhaltenstherapeutische, der psychoanalytische, der systemisch, der hypnosystemische und der Jungianische Ansatz zum Tragen. Pointierte, umfassende Thesenpapiere zu Charisma und Humanismus, die sehr viel Verdichtung bringen, schließen das Buch ab.

Nach den früheren Büchern der Handbuchreihe "systemische Professionalität und Beratung", die eher praktikable Modellkonzepte liefern, liegt damit jetzt ein deutlich persönlich positioniertes und stimulierendes Buch zum systemischen Ansatz von Bernd Schmid und seines Institutes vor. Inhaltlich bietet das Buch sehr viele Anregungen wie praktische Vorschläge. Es ist flüssig geschrieben, reichhaltig in seinen Ideen, aber so klar gegliedert, dass der Leser es gut portioniert lesen kann.



Günther Mohr

Hofheim
www.mohr-coaching.de