Kuck mal, wer da coacht!

Rezension von Alexandra Strehlau

Wenn es um Erfolgsfaktoren im Coaching geht, wird die Persönlichkeit des Coachs
selten thematisiert. Die Selbstpräsentation von Coachs legt vorrangig Wert auf
die eigenen Weiterbildungen, Tools und Methoden. Klienten, die auf der Suche
nach einem Coach sind, können sich hauptsächlich an diesen Qualifikationen und
Spezialgebieten orientieren und im Vorgespräch schauen, ob "die Chemie
stimmt".

Caro Tille schlägt in ihrem Buch, das sich an Personen auf der Suche nach einem
Coach richtet, einen spannenden Weg ein: Sie nimmt die Persönlichkeit des
Coachs in den Blick und schildert auf unterhaltsame Weise, wie die Persönlichkeit,
die Werte und Wahrnehmungsfilter des Coachs den Coaching-Prozess beeinflussen.
Coaching wird von der Autorin als "Doppelblindversuch" bezeichnet, da
zumeist weder der Klient noch der Coach selbst den "Wirkstoff" der
Coach-Persönlichkeit kennen. Mit ihrem Buch adressiert die Autorin zwar
potenzielle Klienten, aus ihrer Argumentation wird aber zusätzlich auch der
Nutzen für die Person des Coachs ersichtlich, sich mit der eigenen Persönlichkeit
zu befassen. Denn wie wir aus der Evaluationsforschung wissen, ist die Persönlichkeit
des Coachs und damit auch die spezifische Coach-Klienten-Beziehung, für den
Erfolg von Coaching maßgeblich wichtig.

Tille stellt, orientiert am Enneagramm, neun verschiedene Coach-Persönlichkeiten
an Hand von Interviews vor und zeigt auf, welche Vorteile und welche blinden
Flecken jeder Persönlichkeitstyp mit sich bringt. Ziel ist es, potenziellen
Klienten ein hilfreiches Persönlichkeits-Modell an die Hand zu geben, mit dem
sie den für sich und ihr Anliegen passenden Coach finden können.
Wissenschaftlich ist das Enneagramm (nach Helen Palmer u.a.) umstritten, und die
Literatur zu diesem Thema findet sich häufig im Esoterikregal - doch das Buch
von Caro Tille öffnet den Blick für die Bedeutung der Persönlichkeit im
Coaching und kommt keineswegs esoterisch daher. Die Autorin ist
Diplom-Psychologin mit über 30-jähriger Berufspraxis. Dass sie das Enneagramm
als Modell benutzt, begründet sie im Vorwort damit, dass es Respekt für unsere
Unterschiedlichkeit zeigt und trotzdem hilfreiche "Sortierkriterien"
liefert. Denn, so Tille weiter: "Coachs sind auch nur Menschen."

Die Darstellung der neun Coach-Persönlichkeiten liest sich humorvoll und
erfrischend, so dass das Buch rasch verschlungen ist. Die Charakterisierung der
Persönlichkeiten wird mit Hilfe von Zitaten, Karikaturen und Beispielen unterstützt
und folgt einer schlüssigen und klaren Struktur. Die Autorin beleuchtet auch
blinde Flecken und schwierige Aspekte der unterschiedlichen Persönlichkeiten
auf wertschätzende Weise. Dem Leser wird es durch viele Beispiele und gute
Beschreibungen leicht gemacht, sich die verschiedenen Persönlichkeitstypen
vorzustellen und ihre Besonderheiten zu erkennen. Möglicherweise wäre es noch
verständlicher gewesen, wenn die Theorie des Enneagramms in einem kurzen
Kapitel zusammengefasst worden wäre. Mit dem Wissen darüber, wie die neun
Typen theoretisch zustande kommen, könnte sich der Leser diese sicherlich noch
etwas besser merken und die Persönlichkeit in Erstgesprächen mit Coachs
leichter wiederfinden.

Die Reise durch die "Persönlichkeitsinseln", wie Tille sie nennt, ist
besonders spannend für Leser, die selbst als Coach tätig sind: Zum Einen ist
das Wiederfinden und Erkennen der eigenen Persönlichkeit interessant, und zum
Anderen erlaubt das Buch, einen Blick in die ganz persönliche Arbeitswelt und
-weise anderer Coachs zu nehmen, der sonst häufig verborgen bleibt.



Alexandra Strehlau

Coach und Autorin, Osnabrück
as@alexandra-strehlau.de

Cover Kuck mal, wer da coacht!

  • von Caro Tille (01.12.2009)
  • Origo Publishing
  • ISBN: 3902758007, 129 Seiten
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