Coaching im 21. Jahrhundert. Kritische Bilanz und zukünftige Herausforderungen in Wissenschaft und Praxis. Augsburg: ZIEL.

Rezension von Dr. Christine Kaul

Frank Strikker sammelt in dieser Veröffentlichung einige namhafte Coaching-Experten um sich mit dem Ziel einer kritischen Würdigung dieses boomenden Beratungskonzepts. Er sieht sich hierzu veranlasst durch die überbordende Banalisierung und Popularisierung des Begriffs. Die unterschiedlichen Zugänge zu Coaching und die Definitionen der beitragenden Autoren konvergieren zwar alle in der von Strikker eingangs gelieferten verallgemeinernden Formel, wenn auch jeder seiner beitragenden KollegInnen unterschiedliche Aspekte hervorhebt. Einige der Beiträge seien hier herausgehoben gewürdigt.

Die Begründung für und die Funktionen von Coaching in Change-Prozessen werden eindringlich und überzeugend von Karsten Trebesch argumentiert. Vor allem als Praktiker, weniger als Theoretiker der Coaching-Szene hat Trebesch vier Funktionen seines Coachings identifiziert, die er kurz verdeutlicht. Leider ist die tabellarische Darstellung der Bedingungen gelungener Veränderungsprozesse so winzig geraten, dass sie den Bedingungen gelungenen Lesens nicht genügen kann.

Christopher Rauen stellt das zentrale Anliegen seiner Dissertation dar, nämlich eine Systematik zu entwickeln zur Bewertung der Qualität bzw. der Beurteilung des Nutzens für verschiedene Interessentengruppen von Coaching-Weiterbildungen. Ein weiterer Vorteil eines solchen "Coaching-Index" wäre es sicherlich, dass sich hiermit seriöse Weiterbildungsanbieter inhaltlich differenzieren ließen. Die von Rauen dargestellten Ergebnisse seiner empirischen Untersuchung lassen hoffen.

Anja Leão verdeutlicht in ihrem Beitrag drei Konstrukte, nämlich das "Balanced Coaching"-Modell, dessen inhärenter Bestandteil die so außerordentlich wünschenswerte Berechnung des ROI für Coaching ist. Allerdings erscheint der genannte Return of Investment von 529 Prozent doch mehr als waghalsig Sie geht im Übrigen mit ihrem Konzept des Life-Coaching in Widerspruch zu Kühl (im selben Band), der den Coaching-Begriff auf berufliche und organisationale Rollen beschränkt sehen möchte (wie auch Karsten Trebesch und Heidrun Strikker, die den Begriff des Business-Coaching verwendet). Die Befürchtung, die Autorin Leao leiste dadurch einen Beitrag zur bedauerlichen Banalisierung des Coaching-Begriffs, erweist sich nach Lektüre ihrer Argumente als nicht haltbar. Aber sie leistet dankenswerterweise einen Beitrag zur Kontroverse und Disput im amorphen Begriffsfeld Coaching.

Ach! Diese Begriffsvielfalt und -verwirrung rund um das Thema Coaching. Strikker macht es in seinen neun Thesen zur Bilanzierung von "Coaching zwischen Populismus [sic!] und Professionalität" deutlich, dass noch nicht entschieden scheint, ob Coaching als erfolgreiches Konzept am Sozio-Psycho-Beratungsmarkt sich in der "Limitierung entfaltet" oder "zerfleddert". Dicht gedrängt und allzu kurz sind die Artikel oft gezwungenermaßen geraten: Die Vielzahl unterschiedlicher Stimmen zu Coaching machte Kürze zur Notwendigkeit.

Strikker hat eine absolut lesenswerte Zwischenbilanz zu Coaching herausgegeben für Studierende mit Berufsziel Coach ebenso wie für Personalentwickler in Betrieben. Das Buch vereinigt Protagonisten unterschiedlichster Meinungen und Praktiken, so dass dem Lesenden die Vorstellung eines öffentlichen Streitgesprächs zum Thema mit eben diesen Autoren größtes Vergnügen bedeutet. Und sicherlich - würde die Vorstellung realisiert - verspräche es eine reizvolle und durchaus kontroverse Unterhaltung.

Fazit: ein empfehlenswertes Buch, das deutlich macht, wo sich Coaching befindet - die Vielstimmigkeit der Experten entspricht der Kakophonie der Meinungen im Coaching-Kundenbiotop.



Dr. Christine Kaul

willkommen@kaul-coaching.de

Cover Coaching im 21. Jahrhundert. Kritische Bilanz und zukünftige Herausforderungen in Wissenschaft und Praxis. Augsburg: ZIEL.

  • von Frank Strikker (07.08.2007)
  • ZIEL
  • ISBN: 3937210954, 214 Seiten
  • Amazon.de Preis: 19,90 €
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