Bevor das Kind in den Brunnen fällt!: Konfliktmanagement als Kernaufgabe in Familienunternehmen

Rezension von Andreas Steinhübel

Mit der DVD "Bevor das Kind in den Brunnen fällt" von Arist von Schlippe wird das Konfliktmanagement speziell in Familienunternehmen gleichermaßen in wissenschaftlicher und praktischer Hinsicht beleuchtet.

Am besten verdeutlicht die Wirkung dieses Lehrfilms die Resonanz einiger Familienunternehmer, denen ich die DVD als zusätzliche Intervention ans Herz gelegt habe. So versammelte sich die Elterngeneration mit der Nachfolgegeneration vor dem Fernseher, um den Dramen aus anderen Familien Raum und Aufmerksamkeit zu schenken. Eine dissoziierte Form der Intervention, denn wir können ganz nah wesentliche Aspekte von Konfliktdynamiken verfolgen, ohne direkt aus zu großer Betroffenheit Perspektiven abzulehnen. Einige Unternehmer schilderten mir: "Das war wirklich interessant, wir haben immer wieder angehalten und gesagt: 'Aber ganz so schlimm ist es bei uns doch nicht, oder?' Alleine das "oder" hat einen Dialog ermöglicht, der sonst kaum zu Stande gekommen wäre."

Insbesondere das erst Drama "Hotel Krone", in dem der Vater dem Sohn sein Hotel anbietet, fand großen Zuspruch bei den Familienunternehmern. Arist von Schlippe zeigt hier die hilfreiche Trennung der beiden "Stühle", auf denen Familienunternehmer sozusagen immer gleichzeitig sitzen: den Stuhl des Unternehmers auf der einen Seite und den Stuhl des Vaters auf der anderen Seite. Das Gleiche gilt auch für den Sohn, der ebenfalls innerlich "auf zwei Stühlen" sitzt. Dies ist ein kraftvolles Bild, was Arist von Schlippe in einer Live-Demo mit Hilfe von vier Stühlen simuliert. Hier wird das Modell zum anpassbaren Handwerkszeug für Coaches. Was würde der Vater als Vater zu seinem Sohn sagen und wie wird diese "Post", wie es von Schlippe nennt, auch angenommen? Konflikte verschärfen sich immer dann, wenn über Kreuz kommuniziert wird, also der Sohn mit dem Unternehmer oder der Vater mit dem Unternehmensnachfolger. Wenn etwa der Vater seinem Sohn eigentlich "Ich liebe Dich und will Dir eine gute Zukunft sichern" als Botschaft senden möchte, der Sohn diese aber als Unternehmer empfängt und quittiert: "Na, diese Gelegenheit muss ich aber betriebswirtschaftlich gegenprüfen." Viele Berater fragen sich gerade in Konfliktsituationen: Wie halte ich meinen Kopf über Wasser, wie gehe ich nicht unter? Hier helfen die Tiefeninterviews des Wirtschaftsmediators Rudi Ballreich, der mit seiner ruhigen und tiefgründigen Art Hinweise und innere Dialoge sichtbar macht. Zusätzlich führt er in einer angenehm dezenten Art durchs Gesamtprogramm und bindet die Teile damit gut zusammen.

Das zweite Drama "Vaters Vermächtnis" zeigt die Kraft der tradierten Regel. Die Szene

startet damit, dass der Vater stirbt und die beiden Söhne zu 50% Anteile am Unternehmen bekommen, wobei der eine Sohn Architekt wird und der andere Sohn das Unternehmen leitet. Die Regel lautet: "Gerechtigkeit und Gleichheit". Der Vater sagte auch immer: "Kein Streit!", woran die Mutter mahnend erinnerte. Als nun die Mutter auch verstarb, entfiel die dritte bindende Kraft und die Konfliktdynamik nahm ihren entwertenden Lauf. Hier wird spürbar, wie behutsam und kleinteilig ein Vorgehen oftmals sein muss, um letztendlich einen Lösungspfad aufzuzeigen, der von beiden Parteien gesehen und angenommen wird. Zu Beginn der Mediation ringt Arist von Schlippe mit der Unterscheidung von "Faktum", was dem Sohn wichtig ist, und einer Form der "Perspektive", was für den anderen Sohn und den Berater bedeutsam ist. Denn ohne die Einladung zum Perspektivenwechsel wird jegliche Lösungsintervention schier unmöglich.

Zwischen den beiden Dramen erleben wir wissenschaftlich fundierte Hinweise zu Konfliktdynamiken in Familienunternehmen, in denen mittels anschaulicher Beispiele Wissen verdichtet vermittelt wird. Dies wirkt so leicht und plaudernd, ist aber alles andere als leichte Kost. Von daher empfehle ich, diese Teile einzeln zu betrachten und für sich die Quintessenz am Ende zusammenzufassen.

Mir persönlich haben auch die Interviewsequenzen mit Familienunternehmern gefallen, die sehr einfühlsam die Dynamiken und auch die Chancen von Familienkonstellationen verdeutlichen.

Fazit: Eine klare Empfehlung für Menschen, die in Familienunternehmen arbeiten und für Menschen, die mit Familienunternehmern arbeiten.



Andreas Steinhübel

Steinhübel Coaching, Osnabrück
office@steinhuebel.de