Das Coaching-Hotel

Ein neues Konzept auf dem Markt bei Burnout und Traumatisierung

Das Coaching-Hotel
© Foto: fizkes/Shutterstock.com

Einen guten Ort fürs Coaching zu finden, ist nicht immer einfach: Eigene Praxisräume, das Separee im Hotel, im Office des Kunden oder der Spaziergang im Park… Das Coaching-Hotel lockt Coaches und ihre Klienten nicht nur mit einem angenehmen Ambiente auf Zeit. Sondern auch mit einem eigenen erfolgreichen Behandlungskonzept.

Starke Magenschmerzen bringen dass Fass zum Überlaufen. Der Hausarzt von Bruno Zimmermann (Name geändert) ist nicht mehr bereit, die Dosis von Schmerz- und Schlafmittel weiter zu steigern und rät zu einer Fachbehandlung in einer Psychosomatischen Klinik. Zimmermann ist verstört – und empört.

Ok, das morgendliche Aufstehen gerät ihm momentan zur Qual, er nimmt das Familienleben nur im Vorbeigehen wahr und erlebt die Kontaktversuche der Kinder als Last. Seine Frau ist besorgt und redet immerzu auf ihn ein, er solle sich doch einmal schonen. Aber jetzt doch nicht! Herr Zimmermann leitet den Rechtsdienst eines grossen Finanzdienstleisters, der gerade eine Reorganisation hinter sich hat. Aufgrund der Firmenexpansion müssen dringend und kurzfristig juristische Expertisen zu internationalen Fragestellungen für den Aufsichtsrat gemacht werden. Das sind Aufgaben, auf die Zimmermann sich sehr gefreut hatte, er ist 47 Jahre alt und der Typ, der Herausforderungen liebt. In solchen Situationen trifft man ihn auch noch nach 21.00 Uhr im Büro an. Was soll er denn jetzt in so einer komischen Klinik…?

Zimmermann wird schon einen Weg finden, um um die Klinik herum zu kommen. Er wird einen anderen Arzt finden, der ihm bereitwillig verschreibt, was er verlangt, und wenn es eng wird, wird er wieder wechseln. Sein Burnout-Syndrom wird sich chronifizieren.

Burnout und Traumatisierung – fatale Chronifizierungsprozesse

Burnout-Klienten haben häufig eine jahrelange Therapeuten-Odyssee hinter sich, da Burnout nicht immer direkt diagnostiziert wird oder sich die Menschen dem helfenden Umfeld entziehen. Die Heilungschancen für Burnout sind bei üblichen Therapieformen leider oft nicht überzeugend. „Wer länger als sechs Wochen in Psychosomatischen Kliniken wegen Burnout behandelt wurde, bleibt in der Hälfte der Fälle arbeitsunfähig“, weiß Coach Horst Kraemer. In nicht wenigen Fällen droht den Menschen zuletzt die Invalidität. Diese Zahlen kann man nur als niederschmetternd bezeichnen.

Die Chronifizierung ist eine Gemeinsamkeit, die Burnout-Klienten mit den Menschen, die nach Unfällen, Krisen oder Gewalterfahrungen oft nachhaltig traumatisiert sind, verbindet. Das Umfeld erkennt zumeist nicht, wie gravierend die Störung wirklich ist. Darauf angesprochen bezeichnet man den Zustand dieser Menschen gerne etwas blumig mit „durch den Wind“ – verbunden mit der vagen Hoffnung, dass „die Zeit“ alle Wunden heilt.

Doch dem ist nicht so. Mittlerweile lassen uns die neueren Erkenntnisse der Neurobiologie auch ermessen, warum. Der Körper speichert die Erinnerung an das Trauma ab und so kann diese immer wieder aktiviert werden. Zwar mündet nicht jede Krise oder Belastung in ein Psychotrauma, aber wenn, hat dies für die Betroffenen, ihr Umfeld und ihre Arbeitssituation tief greifende und einschneidende Auswirkungen. Nicht die Schwere des Ereignisses und die reale körperliche Verletzung bestimmen das Ausmaß des Traumas, sondern das subjektive Erleben des Einzelnen.

An dieser Stelle kommt eine zweite Gemeinsamkeit zwischen Traumatisierten und Ausgebrannten in den Blick: Wenn unser Gehirn dem Druck nicht mehr stand halten kann, schaltet es um auf den „Notfallmodus“. Experten beschreiben den Zustand als Neurostressfragmentierung. Ab diesem Moment kann der Betroffene nicht mehr kraft seines Willens eine wirkliche Veränderung der Situation bewirken. Die Nerven im Gehirn leiten Wahrnehmungsimpulse durch diese Stresssituation nur noch eingeschränkt und fragmentiert weiter. Menschen, die traumatisiert sind, brauchen adäquate und qualifizierte Hilfe. Bleibt diese aus, kommt es zur Chronifizierung.

Die Methode

Horst Kraemer machte bei seiner praktischen Arbeit die Entdeckung, was den Traumatisierten hilft. Schon 1996 gründete er zusammen mit einem interdisziplinären Team von Gleichgesinnten das IPAS-Institut. Dort arbeitet man mit Spitzenforschern aus dem deutschsprachigen Raum wie beispielsweise dem Professor für Psychoimmunologie an der ETH-Zürich, Dr. Manfred Schedlowski, an der neurobiologischen Erforschung von Gewalt, Krisen und Traumata und entwickelte die Methode der Defragmentierung mit Hilfe Neuroimagination®.

Das Ziel der Neuroimagination ist es, fragmentierte belastende Erinnerungen zu einem Ganzen zu fügen, damit sie nachhaltig verarbeitet werden können. Teilweise unbewusste negative Erinnerungen nach einer Stresssituation werden aufbereitet und die unangenehmen Auswirkungen gemildert oder beseitigt (s. Kasten).

Psychotraumatischen Stress mithilfe von Neuroimagination® abbauen

Neuroimagination als Methode erzeugt gezielt erwünschte innere Zustände wie Entspannung, Mut und Tatkraft unabhängig von der Umwelt. Neuroimagination basiert auf den Erkenntnissen der neuesten Hirnforschung und nutzt die körperliche Reaktion auf gewollte, gut zugängliche Erinnerungen. Es wird aber nicht mit Trance gearbeitet wie in der Hypnotherapie oder dem NLP, und es ist auch keine EMDR-Variante. Stattdessen wird Verhaltenstherapie mit Lösungsorientierung und Körpertherapie verknüpft. Insgesamt geht es um ein Emotionsmanagement, das verhaltensimmunbiologische Grundlagen hat.

So werden verschiedene Techniken der Atmung und der Hirnregionenaktivierung (Rechts-Links-Stimulation) vereint, auf diese Weise Stress abgebaut und ein positiver Einfluss auf die komplette mentale und physische Erlebniswelt ausgeübt. In seinem Buch „Das Trauma der Gewalt“ beschreibt Horst Kraemer dezidiert sein Vorgehen im Trauma-Coaching.

Neuroimagination wurde inzwischen an der ETH Zürich evaluiert. Am eigenen IPAS-Institut wird seid etlichen Jahren in der Schweiz und auch in Deutschland zum Gewalt-, Krisen- und Trauma-Coach ausgebildet.

Kraemer, H. (2003). Das Trauma der Gewalt. Wie Gewalt entsteht und sich auswirkt. Psychotraumata und ihre Behandlung. München: Kösel.

Das Hotel

Doch bislang fehlte der passende Ort für die professionelle Durchführung der Methode. Zunächst hatten sich Kraemer und seine Kollegen in Hotels eingebucht. Allerdings gab es dort immer zeitliche Limitierungen, andere Gäste waren im Haus oder das Haus war zu nahe an der Stadt gelegen, so dass Klienten gerne einmal „ausbüchsten“.

So reifte die Idee eines Coaching-Hotels. Denn Horst Kraemer und seine Kollegen wollten nicht die übliche Hospitalisierung im Gesundheitswesen kopieren. Sie sehen ihre Coaching-Kunden als Klienten, die freiwillig kommen und ernsthaft an ihrer Selbststeuerungskompetenz arbeiten wollen. Und nicht als compliance-schuldige Patienten, die Therapie benötigen. 2004 wagte er endlich den Schritt der Unternehmensgründung. Es entstand die Brainjoin AG mit Sitz im schweizerischen Wil. Und es fand sich eine Immobiliengesellschaft, die bereit war, in ein solches Hotel, für das es keine Vorbilder gab, zu investieren.

Das Coaching-Hotel, als ehemaliges Kurhaus ein Sanierungsfall, ist heute ein 4-Sterne-Hotel mit stilvoller Ausstattung, ruhig und doch gut erreichbar gelegen am Stausee des Luftkurortes Kell am See in der Nähe von Trier.

Die Burnout-Behandlung im Hotel erstreckt sich über einen Zeitraum von 14 Tagen bis drei Wochen. Während dieser Zeit werden mit den Klienten zwei Sitzungen pro Tag, die jeweils 1,5 Stunden dauern, absolviert. Nach der Intensivbehandlung im Hotel erfolgt dann ein ambulantes Anschluss-Coaching am Heimatstandort des Klienten: Die Klienten sollen nicht wieder in den Alltag abtauchen, lautet die Devise. Dieses Coaching wird durch Coachs aus dem Qualitätszirkel der Brainjoin AG übernommen.

Kostenträger werden hellhörig: Trauma-Coaching spart enorme Kosten ein

Mit der Zeit wurden Versicherungsgesellschaften auf das Trauma-Coaching aufmerksam. Denn die Traumatisierung und ihre Folgen belasten das Budget der Versicherer bislang gehörig. Ob nun ein Haftpflicht- oder Unfallversicherer für die Schäden eines unzureichend behandelten Schleudertraumas infolge eine Verkehrsunfalls aufkommen muss oder die Berufsunfähigkeit eines Burnout-Opfers droht – über die Jahre betrachtet können sich da enorme Kosten aufsummieren.

Als eine der ersten Versicherungen kooperiert die Schweizer AXA Winterthur mit der Brainjoin AG. In der Schweiz werden alle Berufstätigen obligatorisch unfallversichert, dazu zählen – anders als in Deutschland – auch Freizeitunfälle. Peter Birchler, Leiter Case Management der AXA Winterthur, rechnet vor: „Wird beispielsweise ein Versicherter, der bei einem Autounfall ein Schleudertrauma erlitten hat, aus der obligatorischen Unfallversicherung berentet, kostet uns das bis 88.000 CHF im Jahr. Handelt es sich bei diesem Patienten um einen 40-jährigen Mann, schlägt das kapitalmässig mit annähernd zwei Millionen CHF zu Buche. Deshalb haben wir schon auch aus rein ökonomischen Gründen großes Interesse daran, unsere Versicherten wieder gesund und arbeitsfähig zu bekommen.“ Die AXA Winterthur hat in den vergangenen Jahren zirka 180 Fälle an die Brainjoin AG überwiesen. Zirka 40 Personen konnten die Arbeit wieder zu 100 Prozent aufnehmen. Die AXA Winterthur konnte somit Einsparungen in der Größenordnung des Drei- bis Vierfachen der ursprünglich avisierten Kosten erzielen.

www.brainjoin.ch

Kraemer hat nun die Idee, dass sein integriertes Coaching-Center in Kell am See auch von anderen Coachs genutzt werden könnte. Externe könnten vor Ort mit ihren eigenen Klienten arbeiten. Die Seminarräume im Hotel sind mit den üblichen Medienangeboten bestückt. Und das Hotel mit seinem Ambiente ist ebenfalls buchbar. Zudem lockt die Umgebung des Hotels. Auf Wunsch können Coach und Klient auch die weiteren Angebote im Hause nutzen: Beispielsweise den medizinischen Gesundheitscheck.

Ein Angebot, dass vielleicht auch unseren Burnout-Kandidaten Bruno Zimmermann ansprechen könnte: Niedrigschwellig, hoch professionell und mit der Aussicht, in wirklich absehbarer Zeit wieder stabil arbeitsfähig zu sein.