Coaching und Selbstwirksamkeit

Dysfunktionalen Muster aufdecken

Coaching und Selbstwirksamkeit
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Selbstwirksamkeit ist ein psychologischer Begriff, der beschreibt, in welchem Ausmaß ein Mensch davon überzeugt ist, eigenständig Aufgaben bewältigen zu können. Das Spektrum reicht hier von Allmachtsfantasien bis zur vollkommenen Hilflosigkeit. Dabei ist offensichtlich, dass das mangelnde Vermögen, die eigenen Fähigkeiten einschätzen zu können, auch jenseits psychopathologischer Zustände erhebliche Auswirkungen auf den Lebensweg und wichtige Entscheidungen haben kann.
 

Ein realistisches Einschätzen der eigenen Kompetenzen scheint prinzipiell eine gute Sache zu sein. Es hilft, angemessen bewerten zu können, ob eine Aufgabe langweilig ist oder zur Herausforderung wird – oder gar eine Überforderung darstellt. Logischerweise steht die Selbstwirksamkeit daher im unmittelbaren Zusammenhang mit subjektiven Kompetenzüberzeugungen und Annahmen über die eigenen Fähigkeiten.

Was sich zunächst trivial anhören mag, ist im täglichen Leben jedoch alles andere als einfach. Denn sowohl die (tatsächlichen) Fähigkeiten eines Menschen als auch seine (subjektiven) Annahmen über diese Fähigkeiten verändern sich im Laufe des Lebens. Hinzu kommt, dass insbesondere komplexe Aufgaben von so viel Unvorhersehbarkeiten abhängig sind, dass es kaum realistisch möglich ist, Selbstwirksamkeit und Aufgabenhöhe gegeneinander abzuwägen. Somit ist es meist keine sachliche Entscheidung, ob eine herausfordernde Aufgabe bewältigt werden kann, sondern eher ein Gefühl, das einer rationalen Überprüfung kaum zugänglich ist.

Um es noch komplizierter zu machen, beeinflussen sich Fähigkeiten und die eigene Selbstwirksamkeitseinschätzung auch noch. Dazu ein einfaches Gedankenexperiment: Stellen Sie sich zwei Personen vor, die beide gleichermaßen nur wenig rhetorisch begabt sind. Beide Personen erhalten nun die Aufgabe, am nächsten Tag vor mehreren hundert Personen einen Vortrag zu halten. Während Person A die Selbstwirksamkeitsüberzeugung hat, das werde schon gut gehen, ist Person B besorgt, weil sie sich diese Aufgabe nicht zutraut. Person A bereitet sich seelenruhig vor, während Person B sich kaum konzentrieren kann, die Nacht über wach im Bett liegt und während des Vortrags den Faden verliert...

In diesem Gedankenexperiment ist also die Person B mit der realistischeren Einschätzung im Nachteil (!), da diese nicht zur Selbstberuhigung beiträgt und somit den Zugang zu den (ohnehin geringen) Fähigkeiten zusätzlich blockiert. Die (übertrieben) optimistische Erwartung der Person A führt hingegen zwar nicht zwangsläufig zum Erfolg, blockiert aber wenigstens nicht den Zugriff auf die eigenen Ressourcen.

Jedoch ist der Glaube an eine hohe Selbstwirksamkeit nicht automatisch immer besser. Denn die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, man könne das schon und es werde schon gut gehen, führt nicht zwangsläufig zu positiveren Ergebnissen. So ist z.B. auch möglich, dass jemand im festen Glauben an kaum vorhandene Fähigkeiten sich deutlich weniger gut vorbereitet, als jemand, der sich dessen nicht so sicher ist. In so einem Fall ist der Unsichere im Vorteil, weil er die Chance hat, zu lernen – wohingegen der (zu) Selbstsichere nicht mehr lernt, weil er schon glaubt, zu wissen.

Neutral betrachtet lässt sich daher schlussfolgern: Die Selbstwirksamkeitserwartung hat einen erheblichen Einfluss auf die Umsetzung bzw. Nutzung der vorhandenen Fähigkeiten. Faktisch kann sie eine selbsterfüllende Prophezeiung herbeiführen bzw. einen Placebo-Effekt bewirken. Dies gilt sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. D.h. eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung kann Menschen positiv beeinflussen, eine niedrige Ausprägung kann einen Menschen blockieren.

Und wie so oft gilt auch hier, dass man es nicht übertreiben sollte: Eine zu hohe Selbstwirksamkeitserwartung kann schädlich sein, Entsprechendes gilt für einen zu geringen Glauben an die eigenen Fähigkeiten.

Wenn Selbstwirksamkeit Lernen verhindert

Selbstwirksamkeit kann also Lernen verhindern. Denn wer eine hohe Selbstwirksamkeit hat (die den tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten nicht entspricht), wird bei einem Versagen nicht den mangelnden Fähigkeiten, sondern den Umständen oder anderen Menschen die Schuld dafür geben. Damit schadet sich jemand in zweierlei Hinsicht: Zum einen bewältigt er die Aufgabe nicht, zum anderen nimmt er sich damit auch die Chance zur Weiterentwicklung. 

Derartige Tendenzen können tragisch verlaufen, denn wenn sich dieses Muster verfestigt, wird jeder zufällige Erfolg den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben (= Bestätigung der Selbstwirksamkeit) und jeder Misserfolg wird dem Zufall und den Umständen angelastet. So kann sich keine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten entwickeln und Fehlentscheidungen sind vorhersehbar.

In einem Coaching können solche dysfunktionalen Muster aufgedeckt und im diskreten Vier-Augen-Kontakt bearbeitet werden. Das wichtigste Handwerkszeug des Coachs ist es in diesem Zusammenhang, den Klienten bei einem systematischen Perspektivenwechsel zu unterstützen und die Erkenntnishemmung zu durchschauen. So ist dann wieder ein Lernen möglich, in dem das eigene Selbstwirksamkeitsempfinden hinterfragt und ggf. korrigiert werden kann. 

Der kanadische Psychologe Albert Bandura unterscheidet in dem Zusammenhang vier Quellen, aus denen heraus die Selbstwirksamkeit entwickelt und geformt wird:

  • Eigene Erfahrungen: Hierbei sind insbesondere die Erfahrungen hervorzuheben, bei denen die Zielerreichung anstrengend war. Solche Erlebnisse sind in besonderer Weise geeignet, zu erkennen, wie das eigene Handeln Erfolge ermöglicht. Ein Coach kann hier als Reflektionspartner helfen, Kernerfahrungen und echte Fähigkeiten zu identifizieren.
     
  • Lernen durch das Beobachten anderer Personen (Modelllernen; Lernen am Modell). Im Coaching kann dabei der Coach selbst als Modell dienen. Außerdem kann er dem Klienten helfen, passende Vorbilder zu finden.
     
  • Sozialer Zuspruch durch andere. Dieser Zuspruch kann sehr wesentlich für den Aufbau von Vertrauen in das eigenen Können sein und natürlich auch durch den Coach erfolgen. Dies ist natürlich nur dann sinnvoll möglich, wenn der Coach an die Fähigkeiten des Klienten wirklich glaubt.
     
  • Körperliche Reaktionen: Diese sind ein guter Indikator dafür, ob jemand über genügend Ressourcen verfügt, eine Aufgabe zu bewältigen. Reaktionen wie z.B. erhöhte Pulsfrequenz sollten nicht ausgeblendet werden und sind auch im Coaching nützliche Informationen, ob jemand überlastet ist.

Damit stehen einem Coach unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zur Verfügung, einem Klienten im Umgang mit dem eigenen Selbstwirksamkeitsempfinden Unterstützung zu geben. 

Allerdings wäre es ein Fehler, als grundsätzliche Zielsetzung die Entwicklung einer realistischen Selbstwirksamkeit zu verfolgen. Selbstverständlich sollte ein Coaching keine unrealistische Einschätzung fördern. Eine realistische Einschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit endet jedoch an der Grenze der aktuellen Fähigkeiten – und hemmt damit möglicherweise eine Weiterentwicklung jenseits der Grenzen des bisher Gedachten. Eine "gesunde" Selbstwirksamkeit sollte daher immer noch Raum für weiteres Lernen lassen. Das Ziel ist dabei nicht, ein unreflektiertes "you can do it" zu fördern, sondern Lernblockaden zu verhindern bzw. aufzulösen und über Risiken und Nebenwirkungen von zu großer und zu kleiner Selbstwirksamkeit aufzuklären. 

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