Coaching eines Spitzenkandidaten im Wahlkampf. Teil 2

Wahlkampf-Coaching

Coaching eines Spitzenkandidaten im Wahlkampf. Teil 2
© Foto: El Nariz/Shutterstock.com

Im ersten Teil dieses zweiteiligen Beitrags ging es um Grundlagen des Coachings in der Politik, um die Auftragsklärung, die Grundhaltung, sowie um spezifische Konzepte von Coaching und Beratung der Öffentlichkeitskompetenz eines Spitzenkandidaten sowie um die sogenannten „teachable moments“. Hierunter sind Situationen und Beziehungen gemeint, die Lernen in schwierigen Situationen überhaupt erst möglich machen. Im folgenden zweiten Teil geht es um die praktische Anwendung besagter Konzepte und die konkrete Übertragung in den Alltag eines Wahlkampfs.

Der Erfolg im Wahlkampf baut auf dem engen Zusammenspiel der sensiblen Abstimmung zwischen Programm der Partei, Wahlkampfteam und Spitzenkandidat auf. Der Spitzenkandidat, will er in der Öffentlichkeit kompetent wirken, muss als Vertreter der Partei wahrgenommen werden. Er muss eine gute Passung zu den Menschen und den spezifischen Interessengruppen haben. Er selbst muss sich aber auch als Mensch, als Person treu bleiben, also in sich stimmig sein. Braucht doch Politik gerade auch ein Gesicht, nämlich das Gesicht des Politikers, der Macht und Anspruch glaubhaft verkörpert. Der Wähler entscheidet sich für eine bestimmte Partei und den Spitzenkandidaten, wenn er der Überzeugung ist „Klar, den kenn ich doch“.

Stresskompetenz im Wahlkampf

Besonders unter Stress bzw. hoher Belastung (Wahlkampf ist sicherlich hoher Stress) sind die persönlichen Reaktions- und Verhaltensmuster deutlich emotional wahrnehmbar und erkennbar. Ist jemand in der (medialen) Öffentlichkeit präsent und will er als Person Aufmerksamkeit und Bedeutung gewinnen, so erhöht sich daher, wie die Stressforschung erkannt hat, auf der Erlebensebene das Stress-Niveau. Um sich in diesem Stressgeschehen bestmöglich zu behaupten, greift der Mensch oft auf „alte Überlebens-Muster“ zurück, die sich in seiner Lebensgeschichte für solche Situationen als persönlich brauchbar herausgestellt haben (Lowen, 1988). Medien bilden diese Besonderheiten, sprich „persönlichen Verhaltensmuster“, ab, ohne aber in der Regel sich hierüber und über die Bedeutung/Auswirkung derselben bewusst zu sein.

Insgesamt wurden im hier vorgestellten Wahlkampf-Coaching vier bilaterale Coaching-Gespräche, einige Gespräche mit Spitzenkandidat und Wahlkampfteam sowie vier trilaterale Gespräche zwischen Spitzenkandidat, Wahlkampfleiter und Coach durchgeführt. Zentrale Aspekte hierbei waren:

  • Die Analyse der Wirkungs- und Verhaltensmuster von Spitzenkandidat und Amtsinhaber
  • Die Verbesserung der Stress-Kompetenz des Spitzenkandidaten in Bezug auf seine Öffentlichkeitskompetenz
  • Die Bezugnahme auf Image, Rolle und Kampagne
  • Die gezielte Vorbereitung auf die TV-Duelle

Personifizierung, Rolle und Öffentlichkeitskompetenz

Öffentlichkeitskompetenz gewinnen Politiker dadurch, dass sie die Klaviatur des Zusammenspiels von nonverbaler Wirkung, Körpersprache, Persönlichkeit und Verhaltensmustern beherrschen. Sie lernen die Kunst

  • „ich selbst zu sein“ (als Persönlichkeit),
  • „anders zu sein“ (im Rollenverhalten unterscheidbar) und
  • „öffentlich zu sein“ (Öffentlichkeitskompetenz).

Sie beherrschen ihren Job. Sie wagen es, sich sensibel, aber auch entscheidungsstark und verantwortlich zu zeigen. Sie sind mediensicher und vertraut auf der Bühne der Öffentlichkeit. Durch ihren „Lead“ überzeugen sie, indem sie eine Richtung vorgeben und sich als Person so inszenieren (zur Wirkung bringen), dass sie Sicherheit in unsicheren Prozessen vorleben. Sie haben es gelernt, Spannungen in der Schwebe zu halten und gleichzeitig den Mut entwickelt, wichtige Entscheidungen zu treffen. Auch wenn diese Entscheidungen nicht immer auf Gegenliebe stoßen.

Je sensibler und bewusster Politiker sich sowohl ihrer Verhaltensmuster, als auch im Kern ihrer persönlichen Wirkungsmuster, bewusst sind, desto anschlussfähiger sind sie im jeweiligen Kontext. Dabei wirken sie weniger durch einen von anderen erwarteten spezifischen Verhaltens-Code, der eher die Qualität von „gutem Benehmen“ hätte. Stattdessen überzeugen sie als Typ, durch ihre persönliche Haltung, ihren individuellen Habitus. Je glaubwürdiger, d.h. in sich stimmiger der jeweilige Typus sich darstellt bzw. wahrgenommen wird, desto höher ist die persönliche Wirkfähigkeit im öffentlichen Feld und desto eher kann er gewählt werden (Sollmann, 2005).

Die Wirksamkeit des Zusammenspiels von nonverbaler Wirkung, Verhaltensmustern und Persönlichkeit charakterisiert die Öffentlichkeitskompetenz des Politikers. Im Coaching-Prozess geht es also darum, gemeinsam mit dem Klienten Merkmale, Besonderheiten und Dynamik besagter Öffentlichkeitskompetenz zu ermitteln, sowie diese spezifisch, vor allem bezogen auf den Kontrahenten, zu entwickeln, zu stärken und gezielt vor allem kommunikationspsychologisch zu nutzen.

Schlagabtausch in den TV-Duellen

In den ersten Tagen des Coaching-Prozesses ging es primär darum, den Spitzenkandidaten öffentlich wahrnehmbar zu machen. Dies geschieht über verstärkte mediale Präsenz, kommunikationspsychologische Unterstützung des Kandidaten in seinem Verhalten im Umgang mit den Wählern sowie die Bestimmung zentraler Botschaften, die sowohl der Wahlkampfstrategie der Partei entsprechen, als auch den persönlichen Verhaltens- und Wirkungsmustern des Spitzenkandidaten Rechnung tragen. Muss er doch das, was die Partei will, persönlich auf der öffentlichen Bühne verkörpern.

Im Rahmen eines Wahlkampfs wird jeder Schritt, jede Entwicklung, sowie jede beraterische Unterstützung zeitnah ausgewertet, benannt und ggf. modifiziert. Eine solche Überprüfung erfüllt sicherlich nicht die Kriterien einer wissenschaftlichen Untersuchung. Sie dient hingegen der heuristischen Rückkopplung und der praxeologischen Einschätzung sowie Bewertung dessen, was getan wird, um Erfolg zu haben. In diesem Sinne ist das Vorgehen in diesem speziellen Coaching-Prozess, insbesondere die Entwicklung und Nutzung der beiden Konzepte (Analyse der Öffentlichkeitskompetenz sowie Video-Analyse) betreffend, zu verstehen.

Es kommt zur Bestätigung des Spitzenkandidaten durch den zehn Tage später stattfindenden Sonderparteitag mit einer Zustimmung von 96 Prozent. Darüber hinaus berichten zum ersten Mal die Medien, die dem Amtsinhaber „wohl gesonnen sind“ kritisch über ihn und seine Partei. Der Vertreter einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt gibt zudem seinem Erstaunen dem Pressesprecher des Klienten unumwunden mit den Worten Ausdruck: „Was habt Ihr denn mit dem ... gemacht?“

Eine Woche später kommt es zum ersten TV-Duell. In der Vorberichterstattung belächeln jene dem Amtsinhaber zugeneigten Medien den Klienten-Spitzenkandidaten mit den Worten „dass der sich überhaupt traut, anzutreten“. So verwundert es umso mehr, dass alle Medien einhellig und mit quasi gleichlautender Beurteilung das Ergebnis des ersten TV-Duells mit „von Null auf Gleichstand“ zusammenfassen. Das zweite TV-Duell führte zu einem großen Überraschungserfolg des Klienten, (zusammengetragenes Ergebnis mehrerer im Anschluss an das Duell durchgeführter TED-Umfragen, Ziffern entsprechen Schulnoten):

  • Kompetenz:
    Klient 2 / Amtsinhaber 1
  • Charisma:
    Klient 2 / Amtsinhaber 2
  • Humor:
    Klient 2 / Amtsinhaber 3
  • Angriffslust:
    Klient 1 / Amtsinhaber 3
  • Redezeit:
    Klient 16,25 Minuten / Amtsinhaber 17,15 Minuten

Innerhalb von fünf Wochen hatte sich das Blatt gewendet. Der Klient galt nun als Favorit und der Kontrahent sagte zwei Tage vor dem dritten TV-Duell den Termin ohne Angabe von Gründen ab. Das Verhalten des Amtsinhabers wurde daher in den Medien tendenziell als „Feigheit“ dargestellt. Sein Popularitätsverlust betrug innerhalb einer Woche mehr als 12 Punkte. Auf der anderen Seite betrug der Popularitätsgewinn des Klienten 9 Punkte.

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Prozesskompetenz im Wahlkampf

Als besonders wichtig wurden von allen Beteiligten die Prozesskompetenz und die Unterstützung des Persönlichkeitsformats wahrgenommen. „Prozesskompetenz bedeutet, dass die Führungskraft [(hier: der Politiker)] in der Lage ist, Informationsprozesse, Entscheidungsvorgänge und Arbeitsschritte sorgfältig auf das Aufnahmevermögen und die Lernkurve von Menschen und Gruppen abzustimmen“ (Doppler, 2002; S. 15). Ebenso meint dies „die Fähigkeit, im akuten Konflikt und Krisensituationen, wenn alles drunter und drüber geht, ruhig Blut zu bewahren und handlungsfähig zu bleiben“ (ebd., S. 12).

Dies entspricht führungstheoretischen Forderungen, wie sie Peter F. Drucker beispielhaft zum Ausdruck bringt: „Die Führungskräfte [(Spitzenkandidaten im Wahlkampf sind auch Führungskräfte)] müssen lernen, mit Situationen zurecht zu kommen, in denen sie nichts befehlen können, in denen sie selbst weder kontrolliert werden, noch Kontrolle ausüben können. Das ist die elementare Veränderung, wo es ehe dem um eine Kombination von Rang und Macht ging, wird es in Zukunft Verhältnisse wechselseitiger Übereinkunft und Verantwortung geben“ (Drucker, zit. nach Doppler, 2002; S. 73).

Es geht also um grundlegende Verhaltensaspekte und das Zusammenspiel von Rolle, Aufgabe und Person. Der Coach reagiert sinnvollerweise durch ein breites Rollenspektrum in diesem Prozess. So kann er sozialer Spiegel, geheimer Vertrauter, Sparringspartner, „Grenzgänger zwischen den Welten“, kommunikativer Berater, Katalysator für kreative Spannung sein. Methodisch wurde das Zusammenspiel zwischen Persönlichkeit, nonverbaler Wirkung und Handlungsmustern, sowie das hierdurch bedingte Zusammenspiel zwischen Spitzenkandidat, Wahlkampfteam und Kommunikationsstrategie beleuchtet. Drei zentrale personenbezogene Fragestellungen prägten den Coaching-Prozess im Fallbeispiel:

  • Wo sind meine Stärken (als Spitzenkandidat), meine Widerstände und meine geheimen Erfolgsrezepte?
  • Wo liegen meine für den Wahlkampf entscheidenden Entwicklungspotentiale und woran merke ich, dass ich erfolgreich bin/wirke?
  • Was will/muss ich ändern und was verstärken?

Bestimmung der Kriterien von Wahlerfolg

Das Wahlergebnis und die diesbezügliche Auswertung bestätigten die Kommunikationsstrategie des Wahlkampfteams und unterstrichen nachdrücklich die Öffentlichkeitskompetenz des Spitzenkandidaten. Hier die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Der Herausforderer ist der Gewinner der TV-Duelle.
  • Die Mainstream-Medien berichten auch positiv über den Herausforderer.
  • Am Vortag der Wahl wird erstmalig ein Gleichstand zwischen Herausforderer und Amtsinhaber verzeichnet.
  • Das ausdrücklich formulierte Wahlkampfziel (über 30 Prozent) ist erreicht.
  • Der mediale Wahrnehmungs- und Bedeutungswert des Spitzenkandidaten ist eindeutig und nachhaltig gestiegen. Der des Amtsinhabers deutlich eingebrochen.
  • Die Stimmigkeit des Zusammenspiels von Person, öffentlicher Wirkung und Kampagne wird von allen bestätigt.
  • Wahlkampfteam und vor allem der Spitzenkandidat äußern sich zufrieden über den Coaching-Prozess und die Relevanz desselben für das Wahlergebnis.

Spannungsfelder und offene Fragen

Es gab natürlich auch Spannungsfelder und offene Fragen, die den Kurz-Wahlkampf charakterisierten. Sie haben auch einen deutlichen Einfluss auf zukünftige Wahlkämpfe. Insbesondere aber auch auf die Auftragsklärung, die Struktur, die Gestaltung des bilateralen Coaching-Prozesses mit dem jeweiligen Spitzenkandidaten und das Zusammenspiel mit dem Wahlkampfteam. Hier die wesentlichen Spannungsfelder:

  • Wie gestaltet sich das Zusammenspiel von Transparenz und Konspiration im Wahlkampf(-Team) und in der Beziehungsgestaltung mit den unterschiedlichen Rollenträgern wie Spitzenkandidat, Wahlkampfleiter usw.?
  • Worin bestehen die expliziten und impliziten Aufträge/Klienten und wie reagiert man als Coach in der sich „fließend“ gestaltenden Beziehung?
  • Wie versteht man die Beliebtheit der Person des Spitzenkandidaten einerseits und die Beliebtheit der Partei andererseits und was heißt dies für das kommunikationspsychologische/strategische Vorgehen?
  • Die Arbeit mit der Öffentlichkeitskompetenz des Spitzenkandidaten bezieht die selektive Wahrnehmung einzelner Zielgruppen/Medien ein. Sie baut ebenso deutlich und zielführend auf der Wirkung des Spitzenkandidaten als „öffentliche Person“ auf.
  • Im Wahlkampf werden zunehmend emotionale Milieus in der Gesellschaft bedient. Es gilt daher, früh genug, kontinuierlich und personenbezogen den Umgang mit Emotionalität und Projektionen im Wahlkampf zu beleuchten und zu gestalten.
  • Schließlich ist Coaching immer auch ein „Spiel mit dem Feuer“, insoweit als es um die gleichzeitige Bezugnahme auf sachrationale Aspekte, die Person des Spitzenkandidaten und die jeweiligen Machtverhältnisse innerhalb der Partei geht.

Fazit

Ein erfolgreicher Wahlkampf kann am besten von einem Politiker bestritten werden, der sich und das Parteiprogramm authentisch inszeniert, der Macht und Anspruch persönlich glaubhaft verkörpert. Daher bildet die Arbeit an der Öffentlichkeitskompetenz des Spitzenkandidaten das Hauptaugenmerk eines Wahlkampf-Coachings. Ein wichtiges Mittel hierbei stellt die Video-Analyse dar: Der Klient erkennt seine eigenen Fähigkeiten, seine Stärken aber auch seine Schwächen sowie seine für ihn typischen Verhaltensmuster in Stresssituationen. Denn gerade Stress kann einen „teachable moment“ eröffnen, sprich einen Moment, an dem Lernen in schwierigen Situationen möglich wird.

Mit diesem Wissen und mit einer solchen Vorbereitung können Spitzenkandidat, Coach und das Wahlkampfteam – stets unter Berücksichtigung des Parteiprogramms – integriert am Wahlerfolg, bzw. einer zielführenden Inszenierung arbeiten.


Lesen Sie hier den ersten Teil des Zweiteilers.

Literatur

  • Doppler, Klaus & Lauterburg, Christoph (2002). Change Management. 10. Auflage. Frankfurt a.M.: Campus.
  • Drucker, Peter F.(1995). Die ideale Führungskraft. Zit. nach Doppler, Klaus & Lauterburg, Christoph (2002). Change Management. 10. Auflage. Frankfurt a.M.: Campus.
  • Lowen, Alexander (1988). Bioenergetik. Reinbek: Rowohlt.
  • Sollmann, Ulrich (2005). Personifizierung in der Politik. In Marco Althaus, Michael Geffken & Sven Rawe (Hrsg.). Handlexikon Public Affairs. Münster: LIT. S. 137-139.