Trolle im Wissenschaftsdiskurs

Ein Erlebnisbericht

Trolle im Wissenschaftsdiskurs
© Foto: Elisanth/Shutterstock.com

Die Vorzüge und Annehmlichkeiten der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, insbesondere für wissenschaftliche Studien, sind immens. Jedoch treten die Schattenseiten des Internets immer deutlicher zutage: Shitstorms, ausufernde Diskussionen, systematische Diskreditierung, unsachliche Kommentare und Beleidigungen auf allen Online-Plattformen gehören mittlerweile zum Alltag. Dieser ungeheure Zerstörungswahn macht, wie dieser Erfahrungsbericht eindrücklich zeigt, auch keinen Halt vor wissenschaftlichen Untersuchungen und sollte im Rahmen onlinebasierter (Coaching-)Forschung nicht außer Acht gelassen werden.

Wie schnell sich Personen in der virtuellen Welt dazu verleiten lassen, die Grenzen des guten Geschmacks über Bord zu werfen, durfte ich während meiner Bachelorarbeit, die eine umfassende Umfrage unter Coaches beinhaltete, erfahren. Folgender Beitrag soll darstellen, wie überraschend eine Begegnung dieser Art zustande kommen und empirische Forschung behindern kann.

Dank Internet lassen sich heute insbesondere empirische Untersuchungen schneller und mit deutlich geringerem Aufwand durchführen. Die digitale Vernetzung in sozialen Netzwerken erleichtert die direkte Ansprache bestimmter Zielgruppen, wodurch zahlreiche potentielle Probanden für Online-Befragungen erreicht werden können. Unter Einhaltung der grundsätzlichen „Spielregeln“ wissenschaftlicher Arbeiten könnte die Ausgangslage für eine empirische wissenschaftliche Abschlussarbeit somit kaum günstiger sein.

Mit der Überzeugung, nach drei Jahren Studium im Fach Wirtschaftspsychologie das kleine Einmaleins empirischer Forschung zu beherrschen, entschied ich mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit für eine onlinebasierte Studie. Dabei zog ich nicht in Betracht, dass sich meiner Arbeit das als Patentlösung glorifizierte Internet in den Weg stellen könnte.

Die Eigenschaft von Trollen

In wissenschaftlichen Untersuchungen wird derweil versucht, dem auffällig destruktiven Verhalten im Netz auf den Grund zu gehen. Nach Erkenntnissen kanadischer Forscher weisen Trolle – wie die Störenfriede auf Online-Plattformen genannt werden – neben erhöhten Ausprägungen in sozial unerwünschten Eigenschaften vor allem beachtliche sadistische Wesenszüge auf. Dies unterstützt die geläufige Annahme, dass Trolle als Alltagssadisten vorwiegend durch ihr persönliches Vergnügen motiviert sind: Trolls just want to have fun (Buckels, Trapnell & Paulhus; 2014). Trolle erfreuen sich an der Aufregung, die sie auf ihren Schlachtfeldern hinterlassen. Die Empörung und Wut der Leidtragenden amüsiert sie. Entsprechend stellt der Umgang mit den lästigen Provokateuren eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. Kritikpunkte eines Trolls aufklären oder richtig stellen zu wollen ist vergebene Mühe. Trolle ignorieren und verdrehen jeglichen Kontext: Sie wollen nicht diskutieren, sondern belehren! Geht man auf die Schikane ein, wird nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen. Reaktionen bieten also ausschließlich weitere Angriffsfläche und können keinesfalls besänftigen. Die goldene Regel im Netz lautet daher: Do not feed the Troll.

Die Konsequenzen eines Troll-Angriffs können vielfältig sein. Neben möglichem individuellen Leid der betroffenen Person schaden sie stets der Diskussionskultur: Nutzer können aus Angst, selbst ins Visier der Trolle zu geraten, davon abgehalten werden, sich zu beteiligen oder ihre Meinung frei zu äußern. Fälschlicherweise kann der fehlende Widerstand dabei den Anschein erwecken, dass die abstrusen Troll-Beiträge die Haltung der Mehrheit widerspiegeln. Studienergebnisse konnten diesbezüglich bereits aufzeigen, dass negative und polemische Nutzerkommentare unter wissenschaftlichen Artikeln stärker polarisieren und tendenziell einen größeren Einfluss auf die Meinungsbildung der Leser haben, als sachliche Äußerungen (Runge et al., 2013).

Der Troll-Angriff

Neben dem onlinebasierten Verfahren ist die Themenwahl meiner Arbeit maßgeblich relevant dafür, zu erklären, inwiefern ich mit dieser Problematik in Berührung gekommen bin. Während meines Studiums faszinierten mich die Methoden und Wirkungsweisen im systemischen Coaching. Zu meiner Überraschung stieß ich hingegen in meinem persönlichen Umfeld regelmäßig auf eine grundlegende Skepsis. Schwer nachvollziehbar – angesichts des derzeit vielfach zitierten Coaching-Booms. Ich beabsichtigte, mir Klarheit zu verschaffen und mit meiner Arbeit das öffentlich dominierende Stimmungsbild gegenüber Coaching explorativ zu ergründen.

Im Rahmen des Möglichen erarbeitete ich mit bestem Gewissen ein methodisches Befragungsdesign auf Basis fundierter Erhebungsinstrumente. Um die Interaktionsdynamik in sozialen Netzwerken zu nutzen und einen möglichst großen Teilnehmerkreis zu gewinnen, wurde die Umfrage in sämtlichen Themengruppen verschiedener Online-Plattformen platziert.

Aufgrund der Thematik war selbstverständlich abzusehen, dass weder kritische Reaktionen ausbleiben noch altbekannte Coaching-Streitfragen lange auf sich warten lassen würden. In einem Nutzerkommentar kam wie erwartet das prinzipiell heterogene Verständnis von Coaching zur Sprache und entfachte eine hitzige Grundsatzdiskussion. So weit, so gut – Austausch und Interaktion sind schließlich die zentralen Funktionen sozialer Netzwerke. Im Eifer des Gefechts schaukelte sich jedoch die Stimmung ohne weiteres Zutun schlagartig hoch und der Ton verschärfte sich. Mit einem Mal richtete sich eine geballte Ladung Antipathie gegen mein Anliegen und überwand dabei mit bemerkenswerter Leichtigkeit die Distanz zwischen Person und Sache.

Zunächst konzentrierten sich die Beiträge darauf, in mühevoller Argumentationsakrobatik aufzuklären, aus welchen Gründen das Thema der Arbeit vollkommen unzulässig ist. Selbstredend natürlich nicht ohne eine ausführliche Retrodiktion für die Beweggründe der Themenwahl zu liefern (Modethema, Gefälligkeiten pflegen, „Sie haben noch nie wirklich über Coaching nachgedacht“ etc.). Die Betreuungskompetenz von Hochschulseite wurde an dieser Stelle ebenfalls nicht vernachlässigt, sondern auf gleichem Anspruchsniveau umfänglich in Frage gestellt.

Im Weiteren wurde ich auf Basis des Titels sowie des Themas der Arbeit mit den wildesten Behauptungen und Anschuldigungen über meine Absichten und Motive behelligt. Zu den netteren Mutmaßungen gehörte beispielsweise, das Endresultat durch Einfluss der subjektiven Meinung in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen. Die Unterstellungen reichten von einer nachlässigen Herangehensweise bis hin zu einer bewussten Manipulation der Ergebnisse, inklusive der Prognose, die eigene Person, Berufsgruppe und Hochschule in Verruf zu bringen.

Nicht genug: Die Ressentiments zielten zudem auf die methodische Vorgehensweise und das Design der Untersuchung. Wohlgemerkt, für eine Beurteilung „dieser Art“ bedarf es scheinbar keinerlei weiterer Informationen zur Arbeit. Details zu theoretischem Hintergrund sowie wissenschaftlich fundierten Erhebungsinstrumenten sind hierbei wohl irrelevant. Zugegeben, zumindest der ungebetene Crash-Kurs zu wissenschaftlichem Arbeiten nach Schema F erfordert kein solches Hintergrundwissen.

Auf der einen Seite erregte meine „Begeisterung“ für Coaching Anstoß und andererseits wurde der Vorwurf laut, Coaching in Misskredit bringen zu wollen. Trotz gegensätzlicher Ansichten beider Parteien bestand jedoch Einigkeit darüber, mich öffentlich eines Besseren belehren zu müssen. Es versteht sich von selbst, dass die weitreichenden Konsequenzen der Umfrage für die persönliche Zukunft durch die präzise Darstellung möglicher Szenarien veranschaulicht wurden. Wahrscheinlich durch stark ausgeprägtes Wohlwollen motiviert, erfolgten diese nicht, ohne die passenden Handlungsempfehlungen zu liefern.

Konsequenzen

Angriffe dieses Kalibers lösen in Summe unweigerlich eine Vielzahl unterschiedlichster Emotionen seitens der Betroffenen aus. Doch wie reagiert man bestmöglich in solch einer Situation? Das Internet vergisst bekanntlich ja nie! Die Beleidigungen und anmaßenden Unterstellungen unkommentiert im Raum stehen zu lassen, mag situationsbedingt vielleicht ratsam aber keinesfalls befriedigend sein. In die Offensive zu treten, birgt jedoch Gefahr, sich ungewollt in aller Öffentlichkeit auf die gleiche Ebene seiner Widersacher zu begeben und die Auseinandersetzung eskalieren zu lassen. Autoren onlinebasierter Befragungen verfügen für gewöhnlich über besondere Kompetenzen in Hinblick auf die Thematik ihrer Untersuchung. Öffentlichkeitswirksame Diffamierung dieser Kompetenz kann das Vertrauen potentieller Probanden während der Akquise belasten.

Mein Versuch, mich von der Diskussion zu distanzieren, aber zumindest vereinzelte Aspekte richtigzustellen, ließ sich bedauerlicherweise weniger erfolgreich umsetzen. Ihren Nutzerprofilen zufolge verfügten meine Kontrahenten nicht nur über mindestens das Doppelte an Lebenserfahrung, sondern hatten merklich schon die ein oder andere Online-Konfrontation bestritten. Als Meister ihres Fachs verstanden sie es, mit überspitzter Eloquenz und beinah beiläufig einfließendem Straßenjargon jeglichen Kontext zu verdrehen und aus versöhnlichen Gesten neues Angriffspotential zu schöpfen. In privaten Nachrichten wurde ich von anderen Usern daraufhin angehalten, mir die Kommentare nicht zu Herzen zu nehmen, da in besagtem Forum Diskussionen regelmäßig in dieser Form ausgetragen werden würden.

Zweifelsfrei kann nicht jeder, der Kritik äußert, anderer Meinung ist oder sich im Ton vergreift automatisch als Troll bezeichnet werden. Grenzüberschreitungen à la Troll-Manier lassen zwar auf die spezifischen pathologischen Wesensmerkmale schließen, können jedoch auf vielfältige Ursachen wie klassische gruppendynamische Prozesse zurückzuführen sein. Ob aus eigenen Defiziten heraus motiviert oder mit der guten Absicht, vermeintlich Unwissende mit ihrer Weisheit zu erleuchten – der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Beleidigungen jeglicher Art sind weder online noch offline zu tolerieren – wie in Zukunft soziale Netzwerke damit umgehen, wird sich zeigen. Im Ganzen fiel die Resonanz zu meiner Befragung erfreulicherweise mit deutlicher Mehrheit positiv aus. Die hier geschilderten Begebenheiten stellen zwar im Verhältnis nur einen Bruchteil der Reaktionen dar, werden hingegen jedoch langfristig in Erinnerung bleiben.

Alle, die an einer interaktiven Befragung teilnehmen oder eine solche Studie durchzuführen beabsichtigen, sollten sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Die hier angesprochene Studie wurde im Coaching-Magazin 4/2014 veröffentlicht.

Literatur

  • Buckels, Erin E.; Trapnell, Paul D. & Paulhus, Delroy L. (2014). Trolls just want to have fun. In Personality and Individual Differences, 67, 97–102.
  • Runge, Kristin K.; Yeo, Sara K.; Cacciatore, Michael et al. (2013). Tweeting nano: how public discourses about nanotechnology develop in social media environments. In Journal Of Nanoparticle Research, 15(1), 1–11.
Notwendige Cookies akzeptieren
Notwendige Cookies
Diese Cookies und Services sind für die korrekte Funktion der Webseite verantwortlich und daher zwingend erforderlich.
Details >Details ausblenden
Analyse
Diese Anbieter und deren Cookies verwenden wir für die Auswertung des Nutzungsverhaltens. Dies hilft uns, unsere Webseite stetig zu verbessern und Ihnen das bestmögliche Besuchserlebnis zu bieten.
Details >Details ausblenden
Werbung
Diese Anbieter und deren Cookies verwenden wir für Werbezwecke und deren Auswertung.
Details >Details ausblenden