Realsatire oder Abgründiges

Wie Glücks- und Erfolgsversprechen Klienten blenden

Realsatire oder Abgründiges
© Foto: gosphotodesign/Shutterstock.com

Oftmals denkt man: Wenn ein Produkt teuer aussieht und teuer ist, dann müsste es auch besonders gut sein und halten, was es verspricht. Eine Übertragung dieses Denkens auf Dienstleistungen wie Coaching kann jedoch unerwartete, negative Folgen haben – nicht zuletzt finanzieller Natur. In dem hier vorliegenden Fall vertraute ein Klient auf genau jene Faktoren: Der Coach verspricht viel, kostet noch mehr, kann, wenn man es recht überblickt, wenig und hält fast nichts. Als der Klient dann noch von einer Helferin des Coachs geschlagen wird, erkennt er seine Lage.

Als Sachverständiger des DBVC hat man mit Grenzen und deren Überschreitungen zu tun. Vertragsgestaltungen, Interventionen, die Kunden nicht verstehen, Streit in der Ausbildung – all dies mag empörend oder ungerecht sein. Letztlich ist es trotz der eventuellen Dramatik meist nachvollziehbar. Die folgende Geschichte, die dem DBVC Sachverständigenrat zugetragen wurde, hat sich genau so zugetragen und ist kaum zu glauben. Namen, Orte und sonstige Informationen zur Identifikation der Personen wurden geändert.

Transparenz und Qualifizierung

Kunden sollen wissen, mit wem sie es auf der anderen Seite des Tisches zu tun haben. Im Zeitalter von Internet, Twitter und Facebook hat man über sich Auskunft zu geben. Aber was macht man, wenn man generell wenig anzubieten hat? Mit dürftiger Ausbildung und unpassender beruflicher Praxis kann man, wie Herr Anton als CEO einer Coaching AG, nicht punkten. In Deutschland gibt es für alles eine Ausbildung. Handwerker, Jäger, Angler, Rettungsschwimmer – alle sind ausgebildet, alle zertifiziert! Aber was tun, wenn die formale Qualifikation des CEO dünn aussieht? Es braucht etwas, wovon man mindestens ein bisschen hat. Man will ja nicht lügen, daher muss es dehnbar sein, ein bisschen Reframing in der Postmoderne schadet niemandem. So wird aus einem Staubsaugerverkäufer ohne große Mühe ein head of sales. Versicherungsvertreter mutieren zu Finanzdienstleistern. Die Variante des Herrn Anton soll offen bleiben. Selbstverständlich war er, vor allem auf dem Papier, extrem erfolgreich, seine Karriere war international und global ausgerichtet. Er war längst nur noch für die großen internationalen Konzernvorstände tätig und hatte hierbei sein übergroßes Talent entdeckt. Reichtum, Erfolg und Glamour allein machen aber nicht glücklich, so hat sich Herr Anton als Coach eine höherwertige Vision zugelegt.

Das Versprechen

Der Coach bietet ein Glückspaket an. Die Kunden sollten genau wie er erfolgreicher, glücklicher, schlanker und jünger werden, um in die höchsten Ebenen der Gesellschaft aufzusteigen: Ein Abendessen mit Mutti, Golf mit Kaiser Franz und all die Talk Shows – wer möchte da abseits stehen? Da Reichtum und Erfolg nicht alles sind, will Coach Anton für seine Kunden Glück. Das ist nur mit dem Herzen erfahrbar, glaubt er und so kommt Herzensbildung als Leistungsversprechen dazu.

Optisch präsentiert sich Herr Anton als Personifizierung seines Versprechens, dokumentiert in einer Bildstrecke im Internet: Herr Anton in Denkerpose mit sokratischem Blick, als Hauptredner oder als strenger Gutsherr. Nebenbei liest man, dass er ein Häuschen bewohnt, Kleintiere, zwei Frauen und natürlich Kinder bilden die Entourage. Was der Coach hier demonstriert, soll dem Kunden (wenn er sich an die Vorgaben hält!) auch möglich sein.

Es gelingt aber nur, wenn ein durchschlagendes Persönlichkeitsentwicklungskonzept unterlegt wird. Hierfür hat Herr Anton den ganz Großen über die Schulter gesehen, viele Bücher gelesen und hunderte von Seminaren besucht. Die Namen dieser Vorbilder und die Titel der Bücher sind leider nicht bekannt. Ein ganzes Jahr hat er sich dem Lernen verschrieben, sich entwickelt, um dann als Berater und Mental-Coach zu neuen Erfolgen zu eilen. Er blieb seinem Kundensegment treu, Top-Management, Vorstände und betuchte Firmeninhaber warteten bereits. Professioneller Fußballbereich, Funk und Fernsehen war nebenbei.

Kann man wirklich Persönlichkeitsentwicklung als Leistungsversprechen abgeben? Unabhängig davon, dass es bezüglich des psychologischen Konstrukts Persönlichkeit eine strittige Debatte gibt, bleibt die Frage, wie das Bündel an Interventionen aussehen würde, mit dessen Hilfe sich Persönlichkeiten immer positiv entwickeln? Wäre Herr Anton der, der er vorgibt zu sein, würde er verstehen, dass das psychologische Konstrukt Persönlichkeit keine triviale Maschine ist, die auf Knopfdruck in einer vorausberechenbaren Weise reagiert. Es klingt nach Selbstüberschätzung, überbordender Grandiosität und Schaumschlägerei. Ähnliches gilt für sein Mental-Coaching. Dies bedeutet, die Kunden wandeln sich von desorientiert zu orientiert. Bleibt die Frage, wie diese armen Desorientierten trotz ihrer schweren Defekte erfolgreich geworden sind? Herr Anton wird es wissen!

Eine Nebensächlichkeit: das Geschäftsmodell

Horst ist ein erfolgreicher Kleinunternehmer. Sein Geschäft bedingt, dass er viel unterwegs ist. Die spärliche Freizeit möchte er mit seiner Lebensgefährtin verbringen. Für beruflich notwendige Reflexionen will er einen Coach engagieren. Ohne sich in Kreisen erfolgreicher Business-Coaches auszukennen oder Kenntnisse über die zahlreichen Coaching-Verbände zu haben, macht er sich auf die Suche. Irgendwann landet er bei Herrn Anton. Vielleicht hatte er gerade eine schlechte Zeit oder war einfach gutgläubig, jedenfalls wird er ein halbes Jahr später nicht mehr verstehen, wie er den Coaching-Vertrag unterschreiben konnte.

Das Schriftstück hatte damals aber Eindruck hinterlassen: Der Coach verlangt zehn Prozent der monatlich hart verdienten Provision des Klienten und einen niedrigen vierstelligen Betrag als monatliches Fixum. Das Honorar und die Selbstdarstellung des Coachs lassen Horst glauben, den wahren Meister seines Faches engagiert zu haben. Selbst sehr erfahrene und renommierte Coaches erzielen nur selten Spitzensätze von 400 €/Stunde. Herr Anton ist diesbezüglich eine andere Liga. Neben dem Honorar hat vor allem ein feierlicher schriftlicher Vertragspassus tiefen Eindruck hinterlassen: Der Umgang soll höflich und korrekt sein, man will erfolgreich und gut miteinander dialogisieren, Verabredungen sollen eingehalten und nur Wahrheit sollte gesprochen werden. Was ein Indianerschwur! Blockaden von Horst wurden erkannt, große Ideen entwickelt, Strategien besprochen („Du musst mehr Umsatz machen, dann steigt Deine Provision“) und die Missionen auf Flipchart gezeichnet, feierlich unterschrieben, fotografiert, als geheim gestempelt und für immer abgelegt.

Aufnahme in den Kreis der „Lichtwerdung“

Horst wurde, als Zeichen seiner neuen Entwicklung, in Herrn Antons Kreis der „Lichtwerdung“ aufgenommen. Dort reflektierte man unter Anwesenheit der beiden Damen aus der Entourage des Meisters. Selbstverständlich war in dieser Zeit jeder Außenkontakt z.B. zum Lebenspartner streng untersagt. Horst hatte sich, die notwendige Disziplin verlassend, darüber hinweggesetzt und seine Lebenspartnerin angerufen. Eine der beiden Damen bemerkte dies und wurde wütend: Jetzt hatte man dieses tröge Nordlicht Horst in den Kreis der „Lichtwerdung“ aufgenommen, dauerhafte Dankbarkeit und Gehorsam, so ihr Gedanken, wären richtig gewesen, aber nein, er telefoniert mit dieser Frau. Die Dame begann vor Wut zu weinen und bevor Horst sich in Sicherheit bringen konnte, wurde er von ihrer Faust niedergestreckt (trockener linker Jab!). Empört rief sie dem Torkelnden zu: Was machst Du mit mir (O-Ton)?

Horst kam im doppelten Sinne wieder zu sich, erkannte seine Lage und eilte weg. Nach Ansicht von Herrn Anton war dies aber kein Grund, die Zahlung zu stoppen. Das Argument von Horst, er hätte nach dem Vorfall jegliches Vertrauen verloren, fand keine Gnade. Er habe als Vertragspartner ja nicht selbst geschlagen, war die Antwort. Der Schriftverkehr blieb knapp. Das Verfahren am Landgericht ist eröffnet, der Streitwert beträgt 40.000 Euro.

Fazit

Natürlich kann man sich wild distanzieren und das Mantra des richtigen Coachings herunterbeten. Herrn Anton stört dies sicher nicht. Wir können aber für uns und diese respektable Dienstleistung etwas mehr tun: Professionalisierung vorantreiben, Ausbildungen verbessern auf eigene Fehler achten. Aber es gibt noch einen grundsätzlichen Aspekt. Der Diskurs um den Radikalen Konstruktivismus hat uns von einem unseligen Wahrheitsterrorismus, so S. Mitterer, befreit und die Akzeptanz von Kontingenz (Möglichkeit, dass etwas anders ist) gebracht. Er hat leider auch Vulgärkonstruktivismus, Unwissenheit und flaches Denken hoffähig gemacht. Jede noch so dürre Behauptung wird zur (eigenen) Wahrheit stilisiert und damit veredelt. Wenn Aussagen eines renommierten Coachs, Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse und Coaching sei dasselbe (O-Ton), unwidersprochen bleiben, müssen wir auf Herrn Anton nicht mit Fingern zeigen. Er nützt seine Fähigkeiten des Worthülsenverkaufs und ob dies justiziabel ist, muss sich erst zeigen.

Wenn wir einen Graben zu den Antons dieser Welt ziehen wollen, müssen wir streitbar werden, auch in den Theoriereferenzen sichtbar sein und ob dies immer mit Wertschätzung und der unseligen politischen Korrektheit gehen wird, darf ohne Wertschätzung aber mit großer Ernsthaftigkeit bezweifelt werden. Anything goes ist der geistige Werkstoff aus dem wir den Antons die Bühnen bauen. Seneca, eine Beratergröße aus dem alten Rom, war klug, mutig, streitbar, besaß fundiertes Wissen und diente seinen Überzeugungen. Die Leser mögen mir meine Streitbarkeit nachsehen, ich würde ihnen gerne die ihre verzeihen.

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