Coaching und Kontrollüberzeugung

Wem helfen Ratschläge?

Coaching und Kontrollüberzeugung
© Foto: Happy Together/Shutterstock.com

Die Ratgeberliteratur boomt. Es gibt kaum ein Thema, zu dem sich nicht zig Bücher finden lassen, die mit tollen Tipps, Checklisten und mehr oder weniger offen propagierten Erfolgsversprechungen daherkommt. Abgesehen von der unterschiedlichen Güte dieser Werke stellt sich damit die Frage, wem solche Ratschläge helfen – und wem sie vielleicht sogar schaden.

Bekanntermaßen gibt es das geflügelte Wort, "Auch Ratschläge sind Schläge". Dass die Ratgeberliteratur sich dennoch großer Nachfrage erfreut, wird jedoch kaum mit Masochismus zu erklären sein. Vielmehr darf die Hoffnung auf eine schnelle und erfolgreiche Lösung eines Anliegens als Grund für die Nachfrage vermutetet werden. Und bei manch einem wird sicherlich auch das schlechte Gewissen ("Da müsste ich mal was ändern …") durch den Erwerb eines entsprechenden Buches etwas besänftigt. 

Problematisch kann der Wunsch nach Ratschlägen jedoch werden, wenn das eigene Selbstbewusstsein dadurch nicht aufgebaut, sondern unangemessen klein gehalten wird. Und dies dürfte durchaus häufiger als nötig der Fall sein – wenn auch vermutlich unbeabsichtigt. 

So kann man z. B. das Phänomen beobachten, das insbesondere Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl oft diese Literatur lesen, ohne dass sich ein förderlicher Einfluss erkennen lässt. Dies ist häufig bei Personen der Fall, die Erfolge dem Zufall, einer glücklichen Fügung und anderen Menschen zuschreiben. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von einer "externen Kontrollüberzeugung" (engl.: external locus of control). Häufig geht dies auch noch damit einher, dass solche Menschen gleichzeitig Misserfolge auf sich beziehen, d. h. hier haben sie eine interne Kontrollüberzeugung. So überrascht es wenig, dass diese Menschen in der Folge nur ein geringes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entwickeln können.

Dieser Teufelskreis durchbricht auch ein Ratgeberbuch nicht ohne weiteres: Selbst wenn so eine Person mit Hilfe eines Ratgebers einen Erfolg verbuchen kann, wird sie den Erfolg höchst wahrscheinlich den äußeren Umständen zusprechen. Es kann sogar vorkommen, dass so eine Person sich anschließend Vorwürfe macht, dass sie den Erfolg eigentlich gar nicht verdient hätte und dies ja nur dem Ratgeber zu verdanken sei. Als Fazit sehen solche Menschen dann den Erfolg als einen weiteren Beleg für ihre gefühlte Unzulänglichkeit an. Und das "Spiel" beginnt von vorne.

Damit wird deutlich, dass nicht Erfolgserlebnisse an und für sich zu einem besseren Selbstbewusstsein verhelfen, sondern die Kontrollüberzeugung wesentlich darüber mitentscheidet, wie konstruktiv man mit Sieg und Niederlage umgeht. 

Das beschriebene Phänomen funktioniert übrigens auch in umgekehrter Weise: So können immer wieder Menschen beobachtet werden, die trotz bescheidener Leistungen über ein geradezu erstaunliches Selbstbewusstsein verfügen. Misserfolge prallen an ihnen ab und Erfolge anderer und positive Zufallseffekte schreiben sie sich zu (siehe auch Coaching-Newsletter Febuar 2010, "Der Dunning-Kruger-Effekt").
 

Kontrollüberzeugung und Ursachenzuschreibung

Ob ein Ratgeber also tatsächlich hilft oder einen blinden Fleck sogar noch verstärkt, hängt somit in besonderer Weise von der Art der Kontrollüberzeugung und der Ursachenzuschreibung ab, die ein Mensch hat. Da solche Prozesse überwiegend unbewusst ablaufen, nutzt ein Ratgeberbuch an dieser Stelle wenig. Hier braucht es den Dialog mit einem anderen Menschen, einen Reflexionsprozess, der diese Kontrollüberzeugung genauer beleuchtet und hinterfragt. Und so wie Selbstüberschätzer einen sicheren Rahmen benötigen, um Kritik überhaupt an sich heranzulassen, benötigen die Selbstunterschätzer Ermutigung und einen Menschen, der aus ehrlicher Überzeugung an sie glaubt.

Findet ein solcher Prozess im Rahmen eines Coachings statt, kann man von einer längeren Begleitung des Klienten ausgehen. Und wie so häufig gilt auch hier, dass der Coach dann eine gute Arbeit geleistet hat, wenn er am Ende des Prozesses überflüssig geworden ist. Denn eine Lebensstellung als Ratgeber dürfte kaum als Erfolg einer solchen Maßnahme zu werten sein. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Fazit

Es ist ein schmaler Grat zwischen Ratschlägen, die nützlich sein können und solchen, die einen von der Lösung des zugrundeliegenden Problems nur abhalten. Erst die genauere Kenntnis eines Menschen und seiner Kontrollüberzeugungen macht es möglich, die passende Form von Unterstützung und Begleitung auswählen zu können.

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Literatur